Eine Story erzählen

ZEIT Hamburg: Was braucht ein neues Hafenmuseum auf jeden Fall?

Frits Loomeijer: In Rotterdam ist unser berühmtestes Ausstellungsstück das Mataró-Schiffsmodell aus dem frühen 15. Jahrhundert, das älteste Schiffsmodell Europas. Leider hat es überhaupt nichts mit dem zu tun, was unser Museum sein will. Das ist typisch: Sammlungen entstehen leider fast nie konzeptionell, sondern weil man die Möglichkeit hat, bestimmte Objekte zu bekommen. Deswegen muss man sich umso genauer überlegen, welche Geschichte die Stücke erzählen sollen.

ZEIT Hamburg: Was sollte Hamburg lieber lassen?

Loomeijer: Ein Museum mit Schiffsmodellen und alten Navigationsinstrumenten. Das gibt es in jeder Stadt der Welt. Macht was Eigenes! Und baut kein schickes Stararchitekten-Gebäude in der City. Der bisher für das Museum genutzte Schuppen im Hafen ist sehr authentisch. Das wäre ein guter Ort.

ZEIT Hamburg: Sind 120 Millionen Euro viel oder wenig?

Loomeijer: In den Niederlanden würde ich für ein ordentliches Museum zwischen 150 und 200 Millionen Euro kalkulieren. Aber wenn ihr etwas Besonderes machen wollt, rechnet lieber mal mit 200 oder 220 Millionen.

Menschen begeistern

ZEIT Hamburg: Was braucht ein neues Hafenmuseum auf jeden Fall?

Kevin Fewster: Die Zeiten, in denen es bestimmte Must-haves für Museen gab, sind vorbei. Ich würde eher fragen: Was ist das Ziel? Natürlich kann so ein Museum diesen Hafen vermarkten, die Arbeitsplätze, die Wirtschaftskraft, all das. Aber will man so etwas? Interessiert das die Menschen? Ich glaube, nicht.

ZEIT Hamburg: Was sollte Hamburg lieber lassen?

Fewster: Letztens war ich in China, dort erzählten sie mir: Hey, wir bauen ein Museum. Ich: Großartig. Die Chinesen: Wir haben tolle Architekten und sind mit dem Gebäude schon fast fertig, demnächst überlegen wir, was in das Museum hineinsoll. Das ist genau falsch. Man muss erst mal wissen, was in ein Museum reinsoll, sonst hilft das imposanteste Gebäude nichts.

ZEIT Hamburg: Sind 120 Millionen Euro viel oder wenig?

Fewster: In China gibt es Museen, die doppelt so viel Geld zur Verfügung haben. Je nachdem, welche Architektur man wählt, bekommt man für 120 Millionen nicht viel.

Ein Symbol finden

ZEIT Hamburg: Was braucht ein neues Hafenmuseum auf jeden Fall?

Eyvind Bagle: Irgendein Objekt, das die Funktion des Hafens wirtschaftlich und kulturell ausdrückt. Vielleicht ein Container? Er steht jedenfalls für sehr vieles von Welthandel bis zu Rationalisierung von Arbeitsplätzen im Hafen. Menschliche Themen, die sind wichtig. Das Schöne am Hafen ist, dass er so ein internationales Motiv ist. Ich würde wohl herausstellen, wie der Hamburger Hafen Deutschland mit dem Rest der Welt verbindet.

ZEIT Hamburg: Was sollte Hamburg lieber lassen?

Bagle: In Deutschland erinnern Museen oft an Nachschlagewerke. Die wollen die gesamte Geschichte penibel und lückenlos erzählen. Ein Fehler! Ich glaube, man muss sich inhaltlich auf ein Thema konzentrieren. Wir beispielsweise erzählen die Geschichte der norwegischen Schifffahrt, aber eben nicht die Geschichte der Schifffahrt an sich.

ZEIT Hamburg: Sind 120 Millionen Euro viel oder wenig?

Bagle: Für norwegische Verhältnisse ist das eine unvorstellbar große Summe. Riesig. Ich denke, damit wird sich sicher ein Weg finden, um eure Erwartungen zu erfüllen.

Den Standort prüfen

ZEIT Hamburg: Was braucht ein neues Hafenmuseum auf jeden Fall?

Henk Dessens: Einen geeigneten Standort. Ein Museum an einem Ort, der schwer zu erreichen ist, wird keinen Erfolg haben. Ich habe auf dem Stadtplan gesehen, dass es in Hamburg bereits ein Hafenmuseum gibt, das ziemlich weit draußen zu sein scheint – kein einfacher Ausgangspunkt. Außerdem muss man sich von Anfang an um die Online- und Social-Media-Vermarktung kümmern. Ohne die existiert ein Museum heute nicht mehr.

ZEIT Hamburg: Was sollte Hamburg lieber lassen?

Dessens: Man darf als Museumsmacher auf keinen Fall davon ausgehen, dass das eigene Interesse dem der Besucher entspricht. Die wenigsten Menschen interessiert, wie viele Container im Hafen verladen werden. Die Leute wollen Emotionen. Du musst sie dazu bringen, in dein Museum statt in den Zoo oder zu Ikea zu gehen.

ZEIT Hamburg: Sind 120 Millionen Euro viel oder wenig?

Dessens: Wir haben vor einigen Jahren unser Museum komplett renoviert und neu gestaltet, das hat 80 Millionen Euro gekostet. Wenn man bedenkt, dass ihr ein ganz neues Museum bauen wollt, ist der Betrag gerechtfertigt.

Aufs Geld achten

ZEIT Hamburg: Was braucht ein neues Hafenmuseum auf jeden Fall?

Jonathan Boulware: Mal ehrlich, das Thema Hafen ist so groß, dass man wirklich alles in so ein Museum stellen könnte. Die Herausforderung ist, sich zu überlegen, was man nicht braucht.

ZEIT Hamburg: Was sollte Hamburg lieber lassen?

Boulware: Viele Museen unterschätzen die Unterhaltskosten von historischen Schiffen. Da werden die alten Schiffe am Anfang perfekt renoviert, um zehn Jahre später wieder ziemlich übel auszusehen. Als ich meinen Job angefangen habe, hatten wir elf Schiffe, jetzt haben wir sieben. Eigentlich müssten wir mindestens 1,5 Millionen Dollar im Jahr ausgeben, um unsere Schiffe zu erhalten, vergangenes Jahr hatten wir gerade mal 600.000 Dollar dafür übrig. Ein Schiff wie die Peking kostet ungefähr eine Million Dollar pro Jahr. Daran sollte man vorher denken.

ZEIT Hamburg: Sind 120 Millionen Euro viel oder wenig?

Boulware: Für amerikanische Standards ist das fantastisch. Wenn man in New York für solche Ideen Geld auftreiben muss, kann man sehr froh sein, vier oder fünf Millionen Dollar zu bekommen. Die meisten Museen starten hier ohne Finanzierung als Freiwilligen-Projekt.