Es hat einen eigenen Reiz, Alec Ashs Buch über Chinas Einzelkinder für einen Moment so zu lesen, als kenne man den Ort des Geschehens und die chinesischen Namen der Protagonisten nicht. Dann kann einem Ashs Buch eine doppelte Erkenntnis vermitteln: Die Lebensentwürfe, die Wünsche und Ziele junger Menschen im heutigen China scheinen sich immer weniger zu unterscheiden von denen ihrer Altersgenossen im Westen. Und: Auch China selbst wirkt dadurch gesellschaftlich immer westlicher. Dass dies nicht zwangsläufig mit einer Demokratisierung im westlichen Sinne einhergehen muss, ist eine Beobachtung, die seit Jahren nicht nur in China, sondern in weiten Teilen der Welt zu machen ist.

Was folgt daraus? In welche Richtung wird sich China entwickeln, wenn nach und nach die heute jüngeren Jahrgänge das Ruder übernehmen? Aus ihnen hat der Reporter Alec Ash sechs Protagonisten herausgegriffen. Sie sollen stellvertretend stehen für die mehr als 300 Millionen Chinesen, die derzeit zwischen 16 und 30 Jahre alt sind und in den Boomjahren nach Deng Xiaopings Reformen geboren wurden – eine Gruppe innerhalb der chinesischen Gesellschaft, die zahlenmäßig der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten entspricht.

Durch die Ein-Kind-Politik der Volksrepublik dürfte es sich hierbei um die größte Gruppe von Einzelkindern handeln, die bislang eine Nation hervorgebracht hat – mit speziellen Attributen, die Ash ihnen zuordnet: Da sie alle Hoffnungen und Wünsche auf ihren Schultern trügen, die ihre Eltern in den Mao-Jahren selbst nicht verwirklichen konnten, seien sie in früher Kindheit auf geradezu groteske Weise verhätschelt worden. Die "reiche zweite Generation" werden die Söhne und Töchter begüterter Chinesen genannt, für die keine Ausgaben für Komfort und Bildung gescheut werden und das Beste gerade gut genug zu sein scheint. Doch für die Masse der weniger Privilegierten hat das Einzelkind-Dasein auch deutlich sichtbare Schattenseiten: Man spürt die ganze Last des Drucks, unter dem speziell diese Generation steht. Während ein Einzelkind in den ersten Lebensjahren von vier Großeltern und zwei Eltern mit Aufmerksamkeiten überhäuft wird, kehrt sich dieses Verhältnis im Erwachsenenalter um: Das Einzelkind muss jetzt für zwei in die Jahre kommende Eltern und vier betagte Großeltern sorgen.

Ash zählt sich selbst zu der von ihm porträtierten Generation: 1986 in Oxford geboren, seit Chinas olympischem Sommer 2008 in Peking lebend, Autor des Economist, von Foreign Policy und Salon, Korrespondent für die Los Angeles Review of Books, Mitgründer von "the Anthill", einer Plattform für Geschichten über China in Literatur und Sachbuch. Er studierte Mandarin an der Peking-Universität, durchstreifte per Zug das Land und führte ein Blog namens Six über sechs andere Gleichaltrige, die er drei Jahre lang begleitete. Ihre Geschichten faszinierten ihn so sehr, dass daraus nun ein Buch entstand.

"Wer verallgemeinert, ist ein Idiot", zitiert Ash seinen Landsmann William Blake. Er sieht das Problematische an Generalisierungen über China darin, dass einem sofort ein Beispiel einfalle, welches das Gegenteil nahelege. Doch einzelne Pinselstriche könnten eine Silhouette umreißen und – im Fall der sechs Porträts – sechs Töne eine Melodie ergeben. In ihr spiegelt sich bei Ash eine chinesische Generation von Individuen, die mehr Hoffnungen und Unsicherheiten mit ihren westlichen Altersgenossen gemein haben als bislang wahrgenommen. Er charakterisiert sie als eine Generation des Übergangs, der erste vorsichtige Anfang eines Prozesses, der China verändern werde. Ob dies langsam oder plötzlich geschehen wird, kann allerdings auch Ash nicht sagen. Er nimmt sich hier angenehm zurück und konzentriert sich ganz auf die Schilderung des Ringens von sechs jungen Chinesen um einen Platz in einer Gesellschaft, die von rasantem Wandel und enormem Konkurrenzkampf geprägt ist – ähnlich wie bei ihren Pendants im Westen.

Alec Ash: Die Einzelkinder. Wovon Chinas neue Generation träumt; a. d. Engl. v. Thorsten Schmidt; Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2016; 348 S., 24,– €