Die "unmögliche Liebe" kommt immer weniger vor. Echte Tragik ist aus der Welt zwar nicht verschwunden, wohl aber sind es ihre durchschnittlichen Überlebenschancen in der gegenwärtigen Liebesliteratur. Romeo und Julia wären heute zweifach geschieden. Und die Liebeswunden der Effi Briest lange vernarbt. Vielleicht war das Dichterpaar Ingeborg Bachmann und Paul Celan sogar das letzte große tragische Liebespaar der Literaturgeschichte. Sie lernten sich 1948 in Wien kennen, da waren beide Anfang zwanzig. Die Liebe zwischen der Tochter eines NSDAP-Mitgliedes der ersten Stunde und dem Sohn zweier Holocaustopfer hatte von Anfang an keine Chance. Aber die wollten die beiden nutzen.

Das Ergebnis ist ein verzweifelter Briefwechsel, der lange unter Verschluss lag und erst im Jahr 2008 unter dem Titel Herzzeit posthum erschien. Das Buch wurde zum Bestseller. Die dort noch fehlenden Briefe, in denen Celan seiner Geliebten zum ersten Mal vorschlug, Frau und Kind zu verlassen, wurden vor Kurzem in der ZEIT erstmals veröffentlicht (Nr. 19/16). In dem Film von Ruth Beckermann, der sich vor allem auf die Lesung ausgewählter Briefe und Briefstellen verlegt hat, kommen sie noch nicht vor.

Doch das ist nicht der Grund, aus dem die reizvolle Idee der Regisseurin und ihrer Co-Autorin Ina Hartwig, den Briefwechsel dieses einander leidenschaftlich und hoffnungslos liebenden hohen Dichterpaares zu verfilmen, leider nicht ganz aufgeht. Der liegt eher in der ultrapuristischen Dramaturgen-Idee, den Film im Wesentlichen aus drei Spannungsbögen zu bauen: Die österreichische Musikerin und Sängerin Anja Plaschg liest im Wiener ORF-Studio einen Bachmann-Brief. Der österreichische Schauspieler Laurence Rupp liest im Wiener ORF-Studio einen Celan-Brief. Dann machen die beiden vor dem Studio eine Rauchpause. Dann lesen sie weiter. Das ist es im Großen und Ganzen. Einmal richtet ein Studiotechniker die Mikrofone. Einmal platzen die beiden in der Pause in eine Probe des ORF-Rundfunkorchesters. Ein anderes Mal trinken sie in der ORF-Kantine eine Brause.

Die darstellerische Last, die sich aus diesem Minimalismus ergibt, überfordert die jungen Schauspieler, die blätterraschelnd Sätze ablesen wie "für mich bist Du alles, was Geheimnis ist" oder "das Dunkel, das es mir auferlegt, ist älter" und schließlich "ich sehe mit viel Angst, wie Du auf ein großes Meer hinausfährst". Anja Plaschg ist nach diesem letzten, den späteren Selbstmord Celans vorwegnehmenden Bachmann-Satz aufrichtig ergriffen. Das Leid der Bachmann, die vom tief verletzten Celan zunehmend in die Enge geschrieben wird, geht ihr nahe. Sie trägt auch dieselbe Frisur, die Bachmann damals auf dem Spiegel-Cover hatte. In der anschließenden Zigarettenpause zeigt sie ihrem Kollegen die Tattoos auf ihrem Arm.

In den improvisierten Pausengesprächen soll sich erweisen, so Ruth Beckermann in einem Interview, "was diese Briefe mit zwei sehr modernen Menschen machen". Die Antwort ist: so gut wie gar nichts. Jedenfalls lassen die textexegetischen Zwischenbemerkungen der jungen Vorleser ("er ist unberechenbar", "vielleicht war er gerad voll besoffen und hat was über die Ingeborg gesagt", "die Rolle der Klagenden ist ihr über den Kopf gewachsen") nichts in diese Richtung hoffen. Was man aus dem Film mitnimmt: Das große Pathos des historischen Liebesscheiterns lässt sich in das Kleingeld moderner Alltagssprache nicht richtig gut herunterrechnen.