DIE ZEIT: Herr Kupper, woher der Strom kommt, der aus der Steckdose fließt, lässt die Schweizer normalerweise kalt. Fällt aber das Wort Atom, dann wird es emotional. Wieso?

Patrick Kupper: Als in den 1950er und 1960er Jahren die ersten Atomkraftwerke in der Schweiz geplant wurden, waren sie unumstritten. Atomkraft gilt als Technologie der Zukunft. Sie soll sauberen, günstigen Strom in unbeschränkter Menge produzieren. Doch in den 1970er Jahren kippte die Stimmung.

ZEIT: Was passiert?

Kupper: Die junge Ökobewegung kritisiert die Kernkraft scharf: Erst ging es ihr um den Gewässerschutz, die Kühltürme, welche die Landschaft verschandeln, dann um die Strahlungsgefahr, die von den Kraftwerken ausgeht, oder um die Endlagerung der nuklearen Abfälle. Schließlich wurde daraus ein Streit über die große Frage: Wie soll die Welt neu organisiert werden?

ZEIT: Dabei jubelten die Naturschützer doch, als die ersten AKWs gebaut wurden?

Kupper: Ja, sie hofften, die neuen Werke würden den Druck verringern auf die Flüsse und Bäche, die in der Schweiz nach und nach für die Energiegewinnung verbaut worden sind. Zudem wollten sie Kohle- und Erdölkraftwerke verhindern, welche die Zeit überbrücken sollen, bis die ersten Atommeiler stehen.

ZEIT: In Ihrer neuesten Studie über das Energieregime in der Schweiz, beschreiben sie die Kernkraft als letzte von vielen Energiewenden. Ist sie geglückt?

Kupper: Ich spreche lieber von Übergängen als von Wenden. Schließlich kehrt die Entwicklung nie zu einem früheren Zustand zurück, sondern schreitet voran. Seit 200 Jahren charakterisieren sich Energiesysteme dadurch, dass sie erstens ein starkes Beharrungsvermögen besitzen, dass zweitens große Infrastrukturen mit ihnen verbunden sind und dass es drittens keine Ablösung von einem Energieträger durch einen anderen gibt, sondern Überformungen stattfinden. Mit der Zeit fällt vielleicht einer weg, zum Beispiel die Kohle. Sie wird im 19. Jahrhundert wichtig, erreicht vor dem Ersten Weltkrieg ihren peak – verschwindet aber erst 50 Jahre später aus dem Energiemix.

ZEIT: Wie steht es nun aber um die Atomkraft?

Kupper: Sie ist weit, weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben, die man in sie gesteckt hat.

ZEIT: Droht dieses Schicksal auch der Wind- und Solarenergie, von der man sich zurzeit Großes erhofft?

Kupper: Nein. Die Atomkraft war damals erst im Versuchsstadium. Sie wurde in 15 bis 20 Jahren entwickelt, aufbauend auf der Atombombe. Das ist heute völlig anders: Solar- oder Windkraft werden seit vielen Jahrzehnten erforscht, erprobt und eingesetzt. Dazu kommt: Man setzt heute nicht nur auf eine einzige Technologie, sondern auf unzählige – und man will immer öfter die Energie gar nicht erst verbrauchen, sondern sie einsparen.

ZEIT: Die Rhetorik ist allerdings dieselbe wie damals bei der Atomkraft: Dank Wind und Sonne leben wir bald im grünen Energieparadies.

Kupper: Vielleicht hat das mit den erwähnten Beharrungskräften zu tun, die im Energiesystem stecken. Wenn man einen Wandel von dieser Dimension erzeugen will, braucht es mehr als trockene, sachliche Argumente, es braucht eine Utopie.

ZEIT: Tauchen wir nochmals etwas in die Geschichte ein: Wie deckt die Schweiz seit 1800 ihren Energiebedarf?

Kupper: Ich war überrascht, wie unwichtig die fossilen Energieträger hierzulande für die Industrialisierung waren. Kohle spielte nie eine besonders große Rolle. In der Frühindustrialisierung setzt man auf Holz und etwas Torf. Die Industrialisierung selbst wurde dann von der mechanischen Nutzung der Wasserkraft getrieben, die weiterentwickelt wurde. Die Schweiz setzte also bereits damals auf erneuerbare Energiequellen und Effizienzgewinne.

ZEIT: Wann beginnt in der Schweiz das fossile Zeitalter?