Ein Zitat aus der Welt, vielfach geteilt auf Facebook: "Wer das Auto dieser Tage klein macht zu einem bloßen Faktor von Mobilität oder Wirtschaftskraft, der verkennt seine kulturelle Bedeutung." Das steht in einem Artikel, den der FDP-Vorsitzende Christian Lindner gegen die ökologische Verkehrswende und die Idee geschrieben hat, vom Jahr 2030 an keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zuzulassen. Ihm ist schon die Energiewende zuwider. Jetzt auch noch die des Verkehrs? Da sucht Lindners Fuß die Reformbremse.

Nun gibt es eine Reihe technischer Argumente für oder wider das baldige Aussteuern des Verbrennungsmotors. Lindner geht auf sie ein, doch das Kultur-Argument hat Vorfahrt in seinem Artikel. Darüber muss diskutiert werden.

Einwenden ließe sich vielleicht, dass die Autos gegenwärtig nicht unbedingt klein, sondern vielmehr groß gemacht werden. Es gibt "Minis", die wie Busse wirken, und selbst der Fiat 500 sieht mittlerweile so aus, als habe jemand das einstige Bonbonauto zu einer überdimensionalen Gummiente aufgeblasen. Anzunehmen ist freilich, dass Lindner etwas anderes meint, wenn er von "kultureller Bedeutung" spricht. Nur was?

Der Begriff der "Bedeutung" ist jedenfalls angemessen. Denn Autos, wie alle technischen Dinge, sind Zeichen. Sie deuten auf etwas. So wie Hightech-Fahrräder, "die guten Dinge" der Manufactum-Welt oder die Hervorbringungen der Koch-Blogger auf einen bestimmten Lebensstil urbaner Besserverdienender verweisen. In allen diesen Fällen will jemand etwas demonstrieren. Das geht ja auch in Ordnung.

Mit dieser Erkenntnis versehen, betrachten wir nun den Verbrennungsmotor. Beinahe auf den Tag hundert Jahre ist es her, dass die amerikanische Fachzeitschrift Electric Vehicles einen Leitartikel unter der Überschrift "Die Autos, die ein Mann will" veröffentlichte. Damals waren Autos mit Elektromotor mindestens so leistungsfähig wie die Benziner jener Zeit. In dem Artikel heißt es: "Was feminin ist oder als feminin angesehen wird, das wird vom amerikanischen Mann nicht geschätzt – ob er nun besonders viril ist oder nicht, seine Ideale sind es. Das ist natürlich logisch absurd im Fall des Elektroautos. Aber der Autokäufer folgt keinen logischen Argumenten. Er stellt sich Elektromotoren als Verweiblichung vor und kauft selbstverständlich ein Benzinauto." In der Tat gewann der Benzinmotor damals gegen den Elektroantrieb, weil es männlich zu sein schien, Feuer, Explosion und Krach zu bändigen.

Was ist von dieser Bedeutung geblieben? Autos sind uneindeutige Wesen geworden. Mit Raubtierfratze und sanften Formen. Sie haben mehr Kraft als nötig, aber Innenräume für betreutes Fahren in gebärmutterhafter Wohlfühlatmosphäre. Technik zum Protzen, doch wer ihr mit dem Schraubenschlüssel zu Leibe rücken will, steht verloren da. Das Auto spiegelt die Widersprüche eines zwischen gestern und morgen eingeklemmten Lebensstils. Daher die Beliebtheit von Oldtimern. Die sind wenigstens mit sich selbst identisch. Sie versprechen eine Handwerksidylle aus Blech, Öl und Benzin, und man darf an allem herumschrauben. Museumspädagogik. Ihr will ja auch niemand den Garaus machen.

Im Prinzip hat die Autolobby also recht, wenn sie vom "mobilen Kulturgut" spricht. Aber dieses Gut existiert eben nicht an sich. Autos mit Verbrennungsmotoren sind keine Substanz im philosophischen Sinne, sondern ihnen wird Bedeutung zugeschrieben. Die Propagandisten des Elektroautos wissen das und versuchen, ihre Produkte zu Symbolen des Fortschritts, der ökologischen Intelligenz und der Eleganz werden zu lassen. Wer einmal mit einem Tesla gefahren ist, sieht ein: zu Recht.

Gleichwohl, der FDP-Chef will lieber den Verbrennungsmotor vor den Grünen retten. Wegen der Kultur. Und wegen der individuellen Entscheidungsfreiheit der Käufer: Man solle den Verbrauchern nicht vorschreiben, mit welchen Fahrzeugen sie sich fortbewegen, meint Lindner. Ach so? War er schon mal beim TÜV? Und wie viel Prozent der Ingenieursarbeit werden wohl dafür aufgebracht, Vorschriften zu erfüllen (oder sie auszutricksen)? Nein, der Automarkt ist reguliert wie kaum ein anderer. Das zu ändern fordert noch nicht einmal die FDP. Jetzt aber gibt sie sich retro – technisch, ökologisch und politisch. Hoffentlich schraubt jemand an ihr noch ein bisschen herum.