Im Juni 2016 sind dort mehr als 1.500 Unternehmen aus 56 Ländern zusammengekommen, um ihre Produkte auszustellen, auf einer Fläche von mehr als 175.000 Quadratmetern. Darunter sind große europäische Rüstungskonzerne wie Thales, Airbus und Rheinmetall, außerdem Firmen aus Russland, Pakistan und Israel. An welchem Stand man auch fragt – das heiße Thema der Messe ist in diesem Jahr "Border Security": Grenzschutz. Die meisten Aussteller bieten unter diesem Label nicht Zäune an, sondern Hightech: Drohnen, Roboter, Sensoren.

Draußen vor den Messehallen hat der deutsch-französische Konzern Airbus einen Pavillon aufgebaut, zwei Stockwerke ragt er empor, auf einem Balkon stehen ein französischer Fremdenlegionär und ein afrikanischer Offizier in grüner Uniform. Airbus ist vor allem für seine Flugzeuge bekannt, baut aber auch Rüstungsgüter, Sensoren für die Überwachung von Grenzen zum Beispiel, Wärmebildkameras, Teleskope, Helikopter und Drohnen. Airbus hat die Grenzen von Saudi-Arabien, Rumänien und Algerien ausgestattet, für mehrere Milliarden Euro. Außerdem betreibt es die Satelliten, mit denen die europäische Grenzschutzagentur Frontex das Mittelmeer überwacht. Demnächst will Frontex das Meer zusätzlich mit Drohnen kontrollieren – auch dafür könnte Airbus die Technik liefern.

Noch im Februar wollte Airbus seine Sparte für elektronische Grenzüberwachung an einen amerikanischen Investor verkaufen. Dann aber, Anfang 2016, als jede Woche Zehntausende Flüchtlinge über den Balkan kamen, als das Abkommen zwischen der Türkei und der EU kurz vor dem Abschluss stand und deutlich wurde, dass Europa sich noch weiter abschotten würde, ruderte Airbus zurück. Die Flüchtlinge sind für Airbus zum Wachstumsfaktor geworden. Fragt man die Mitarbeiterin am Messepavillon, wie stark der Konzern von der Aufrüstung der Grenzen in Afrika profitiert, antwortet sie: "Ich darf Ihnen leider nichts sagen." Bei der Pressestelle heißt es, "wegen Umstrukturierungen" sei es schwierig, einen geeigneten Ansprechpartner zu finden.

Andere sind weniger zurückhaltend. Der italienische Konzern Leonardo-Finmeccanica bietet gemeinsam mit dem französischen Rüstungsunternehmen Thales einen gigantischen Zeppelin an, der Kameras und Sensoren an Bord trägt und monatelang in großer Höhe schweben kann. "Damit können Sie die ganze Ägäis überwachen", sagt der Mitarbeiter am Thales-Stand. Das französische Unternehmen ECA wirbt damit, dass es den Schleusern überlegen ist. Es hat eine Kameradrohne entwickelt, die nicht über Funk, sondern über ein Kabel mit dem Boden verbunden ist. Dank der Drahtverbindung ist sie immun gegen Störsender, mit denen Schlepper die Funküberwachung verhindern könnten. "Noch in zwei Kilometer Entfernung erkennt die Drohne menschliche Ziele", sagt ein Manager von ECA.

So könnte sie aussehen, die Zukunft der EU-Flüchtlingspolitik, unterstützt von der europäischen Rüstungsindustrie: Hightechsensoren spüren die Flüchtlinge auf, von den Europäern ausgebildete Grenzsoldaten schaffen sie zurück nach Afrika – und dort bleiben sie dann.

Touré Blamassi, der Mann in der rosa gestrichenen Kellerbar, hält das für kurzsichtig. Er sagt, wenn die Flüchtlinge wirklich nach Tunesien gebracht werden sollen, brauche das Land neue Gesetze – keine neuen Grenzen. Zurzeit gibt es in Tunesien kein Asylsystem, keinen Rechtsrahmen, der die Flüchtlinge schützt. Zugleich verbietet der tunesische Staat seinen Bürgern, Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus zu helfen. Seit 2004 gibt es ein Gesetz, das es sogar unter Strafe stellt, ihnen etwas zu essen zu geben oder sie ärztlich zu behandeln.

Frank Vornholt packt nach drei Tagen in Tunesien seinen Koffer und fliegt zurück nach Berlin. Dort werden schon jetzt die Pläne für das kommende Jahr besprochen. 2017 hat das Innenministerium für die tunesischen Grenzer Trainings und Ausrüstung für rund sieben Millionen Euro eingeplant.

Auch die Grenzschutzkonzerne bereiten neue Geschäfte vor. Im kommenden März werden sie sich in der marokkanischen Küstenstadt Casablanca mit hochrangigen Beamten, Militärs und Politikern treffen: beim World Border Congress.

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