Wer in den achtziger Jahren in Frankfurt am Main Geschichte studierte, der konnte schon mal einen kuriosen Auftritt erleben. Im Seminar hob dann ein Student des dritten Lebensalters zu einer Tirade an: In Frankfurter Mundart und schwermütiger Stimmlage klagte er, welch leuchtende Zukunft Frankfurt hätte haben können. Nein, es ging nicht um die 1949 verpatzte Gelegenheit, Bundeshauptstadt zu werden; es ging um die Annexion der Stadt durch Preußen 1866. Die Anwesenden teilten sich in eine staunende und eine grinsende Fraktion.

Heute gibt es wohl keine Frankfurter mehr, die Schmerz ob der einst verlorenen Unabhängigkeit empfinden. Zumal sich die Stadt gerade, nach dem beschlossenen Brexit, den großartigsten Zukunftsträumen hingibt: nämlich Londons Rolle als Europas Finanzhauptstadt zu übernehmen und damit alles, was es sonst noch so an Metropolen und -pölchen in Deutschland gibt (Berlin, Hamburg, München ...), zu übertrumpfen! Dass sich ausgerechnet in diesem hoffnungsvollen Augenblick die dunkelste Stunde der Frankfurter Vergangenheit zum 150. Male jährt, ist da eine bizarre Pointe der deutschen Geschichte.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Freie Stadt Frankfurt ein souveränes Territorium von gut 100 Quadratkilometern. Die Stadt selbst zählte 1866 etwa 78.000 Einwohner, weitere 13.000 Seelen lebten in den zum Frankfurter Staatsgebiet gehörenden Vorstädten und Dörfern. Die Mitgliedschaft Frankfurts im Deutschen Bund (dessen Versammlung in der Stadt residierte) bedeutete rechtlich keine Beschränkung der Unabhängigkeit. Wer heute durch die damaligen Gassen streifte, wäre entzückt: prächtige Palais an der Zeil, das Mainufer mit einer weiß leuchtenden klassizistischen Front, in den Bezirken um die Altstadt Villen mit zauberhaften Gärten. Beengter ging es in Teilen der Altstadt zu und erst recht in der Judengasse, die noch im Jahrhundert zuvor das Ghetto für die jüdischen Frankfurter gebildet hatte.

Die Verfassung des Stadtstaats war zwar reichlich verschachtelt, doch der politische Wille entfaltete sich von unten nach oben. An der Spitze herrschte kein Fürst, es amtierten zwei Bürgermeister: eine altehrwürdige Stadtrepublik, umgeben von Monarchien (mitsamt ihren Exklaven grenzte die Freie Stadt Anfang 1866 an vier Fürstentümer). Sie galt als eine Hochburg liberaler und demokratischer Ideen, für die exemplarisch die von Leopold Sonnemann gegründete Frankfurter Zeitung stand.

Die Lage der Wirtschaft war durchwachsen: Als Sitz von Banken – voran Bethmann und Rothschild – hatte Frankfurt europäisches Format und war insofern noch immer wie einst ein "Gold- und Silberloch" (Martin Luther). Die Messen freilich hatten längst nicht mehr den alten Rang, dafür blieb die Börse bedeutend. In industrieller Hinsicht indes hinkte die Stadt hinterher, hatte sich 1864 aber neue Chancen erobert, indem sie in einem Kraftakt die Gewerbefreiheit einführte. Es lebte sich gut und friedlich am Ufer des Mains.

Doch Deutschland ist damals in Unruhe: Die beiden Großmächte Österreich und Preußen treten sich auf die Füße. Beide reklamieren sie die alleinige Führung. In Frankfurt wie generell im Süden sympathisiert man mit dem Habsburgerreich, dessen kommoder Schmelz besser zum süddeutschen Gemüt passt als das hackenknallende und parvenühafte Preußen. Freilich: Mancher Frankfurter grübelt bereits darüber nach, ob nicht dem martialischen Königreich im Norden die Zukunft gehört – unter ihnen etwa der Autor des Struwwelpeter, Heinrich Hoffmann. Frankfurt ist sogar der Sitz des 1859 gegründeten Nationalvereins, der eine deutsche Einigung unter preußischer Führung anstrebt.

Als es im Juni 1866 zum Krieg kommt, steht Frankfurt dennoch hinter Österreich und gegen Preußen. Die Stadt will allerdings nicht direkt in den Kampf eingreifen und hält ihr furchteinflößendes 700-Mann-Heer aus allen Schlachten heraus. Diese Zurückhaltung wird von den Preußen nicht honoriert, die schließlich den Sieg über Österreich davontragen. Am 16. Juli marschieren sie in die Stadt ein mit klingendem Spiel, auf den Lippen die Hymne Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben.

Was dann passiert, ist den Frankfurtern ein wahrer Schrecken. Ihre Republik wird von der Großmacht wie ein Erzfeind traktiert und schikaniert. Nicht nur die üblichen Einquartierungen von Soldaten sind ein Graus. Schon am Tag nach der Besetzung fordern die Preußen eine Kontributionszahlung von 5,75 Millionen Gulden – umgehend schicken die Frankfurter acht Eisenbahnwaggons voller Silber gen Berlin.