Man muss Christian Wolff nur das Wörtchen "Frauenkirche" sagen, da redet er sich schon in Rage. Wolff, 67, war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2014 Pfarrer der Leipziger Thomaskirche – und erwarb sich den Ruf, einer der politischsten Geistlichen des Ostens zu sein. Kaum eine Demo für Demokratie, auf der Wolff nicht wenigstens ein gepfeffertes Grußwort spricht, auch heute noch.

Aber die Frauenkirche? "Staatstragend", sagt Wolff. "Wenig mutig. Ein Berliner Dom in Dresden. Schade, dass die Frauenkirche es nicht geschafft hat, in Zeiten von Pegida ein zentraler Akteur in Dresden zu werden." So viel zur Anklage.

Die Frauenkirche: Kaum ein Gotteshaus bewegt so viele Menschen im Herzen, selbst Menschen, die nicht gläubig sind. Einst war sie ein Prunkwerk europäischer Baukunst. 1945 in Schutt und Asche gelegt in einer Bombennacht. Über Jahrzehnte ein Geröllhaufen gewesen, ein Mahnmal aus Stein. Dann wiedererbaut mit dem Geld Tausender, Abertausender Menschen von überall auf der Welt. Mehr als eine Million Euro für den Wiederaufbau wurden allein in Großbritannien gesammelt. Auch das Königshaus gab Geld. Das neue Kreuz auf dem Dach der Kirche wurde geschmiedet von Alan Smith, Sohn des britischen Bomberpiloten Frank Smith, der sich die Zerstörung Dresdens nie vergeben konnte. "Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden ist eine Inspiration für uns alle", hat die Queen gesagt. Eine Wahnsinnsgeschichte: Seht her, Versöhnung ist möglich!

Aber, das werfen Leute wie Wolff der Kirche vor: Sie mache zu wenig draus, sie strahle zu wenig in die geschundene Stadt Dresden, sie trage zu wenig von der Last, die sie tragen müsste: ihre Geschichte zu nutzen, um die Debatten der Gegenwart zu prägen.

Ist das wahr? Es ist jedenfalls nicht ganz falsch. Seit ihrem Wiederaufbau hat die Frauenkirche immer das ganz große Programm aufgefahren: Reden von Nobelpreisträgern, Adventskonzerte mit Startenören, auch Barack Obama war da. Aber dass die Kirche mal Stachel gewesen wäre, mal die Dresdner Gesellschaft aufgeschreckt hätte oder gar den ganzen Freistaat?

Stattdessen verleiht die Frauenkirche, zusammen mit dem Freistaat, jährlich einen "Bürgerpreis". Er zeichnet Initiativen aus, die sich für Demokratie und Toleranz einsetzen – allerdings nur jene, die der Staatsregierung genehm sind. Und während Pegida ständig direkt vor der Frauenkirche demonstrierte, war aus der Kirche nichts Bleibendes dazu zu vernehmen.

Ein bisschen liegt das auch an der merkwürdigen Konstruktion, die gefunden wurde, um den Sakralbau zu betreiben: Landeskirche, Freistaat und Stadt Dresden haben gemeinsam eine Stiftung gegründet, die für Unterhalt und Inhalte der Kirche verantwortlich ist, im sechsköpfigen Stiftungsrat sind so gesetzte Persönlichkeiten wie Dresdens CDU-Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann, der Sparkassen-Chef Joachim Hoof und CDU-Landtagspräsident Matthias Rößler vertreten – Letzterer machte einst als "Patriotismusbeauftragter" der Union von sich reden.

Die Kirche hat es also von innen nicht eben leicht, progressiv zu sein – und von außen auch nicht: Seit der Weihe sei man mit einem großen Erwartungsdruck konfrontiert, sagt etwa Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt. Dabei sei die Botschaft, die die Kirche allein durch ihr Dasein aussende, hochpolitisch.

Aber die überfälligen und aufgehitzten politischen Debatten fanden nicht in der Frauenkirche statt, sondern ein paar Hundert Meter entfernt, in der Kreuzkirche. Hier wurden sogenannte Bürgerdialoge abgehalten, hier kamen Politiker mit Pegidisten ins Gespräch. Wäre so etwas nicht auch in der Frauenkirche möglich gewesen? Man kann das die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau fragen, sie hat sich vor fünf Jahren in der Frauenkirche taufen lassen. Sie sagt: "Die Frauenkirche beschäftigt sich vielleicht nicht mit Alltagspolitischem, aber sie stellt die großen politischen Fragen: Was hält unsere Gesellschaft zusammen – und was bringt sie nach vorn?" Gerade deswegen werde Frank Richter nun Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche (siehe Text links). Wird er die Frauenkirche verändern – oder die Frauenkirche Frank Richter? "Weder noch", sagt Hermenau. Frank Richter habe die Landeszentrale manchmal als beengend empfunden, erzählt sie: "Er wird in der Frauenkirche aufblühen."