Die wilden Kerle – Seite 1

Christopher war gerade mal acht Jahre alt, da eilte ihm sein Ruf bereits voraus. Auf dem Schulhof und im Lehrerzimmer war er gefürchtet für seine unkontrollierten Wutausbrüche; in den Pausen raufte er, und in den Stunden störte er. Seine Grundschullehrerinnen wussten nichts anzufangen mit dem Kraftprotz, der sich ständig messen wollte. Mal schimpften sie mit ihm, mal ignorierten sie ihn, mal schrieben sie ratlose Briefe an die ratlosen Eltern. Doch es half nichts. Seit der ersten Klasse steckte Christoph in der Schublade "Problemkind" – und niemand half ihm da heraus.

Während Mädchen auf der Überholspur sind, Chemie-Förderkurse besuchen und Selbstbehauptungskurse belegen, gelten Jungen häufig als Störenfriede, Zappelphilipps und ADHS-Patienten. Das wirkt sich auch auf ihre Leistungen aus: Jungen werden im Schnitt später eingeschult als Mädchen, erhalten nach der Grundschule seltener eine Gymnasialempfehlung, schreiben im Schnitt die schlechteren Noten und sind auch unter den Abiturienten in der Minderheit. Ein Blick in die Förderschulen zeigt: Im Schuljahr 2014/15 waren fast zwei Drittel der Schüler dort Jungen.

Die Klage um das Scheitern der Jungen ist so alt wie die Pisa-Studie. Im Jahr 2000 stellten Bildungsforscher erstmals fest, dass Jungs im Lesen, der Basiskompetenz allen Lernens, weit hinter den Mädchen liegen. In den folgenden Jahren verfestigte sich das Bild: Um ein ganzes Schuljahr waren die Mädchen im Schnitt den Jungen voraus. Plötzlich galten die Jungs als die neuen Bildungsverlierer, wurden kritisch beäugt, untersucht und gefördert. Der Tenor: Die Schulen seien zu weiblich geworden, die Lehrkräfte hätten neben all der Mädchenförderung die Bedürfnisse der Jungs vernachlässigt. Aber was ist seither geschehen? Was hat sich an den Schulen verändert? Wohin hat uns die Jungendebatte der letzten Jahre gebracht?

Rielasingen-Worblingen, eine kleine Gemeinde bei Konstanz, 12.000 Einwohner, ein paar Fachwerkhäuser, eine Kirche, zwei Gasthöfe, drei Grundschulen. Hier, zwischen Bodensee und Gewerbegebiet, sollen Jungen neuerdings "artgerecht gehalten" werden, wie es die Rektorin der Scheffelschule ausdrückt.

Vom Schulhof ertönt Pausenlärm. Jungen turnen auf dem Klettergerüst, einer höher als der andere. Eine Gruppe Mädchen tuschelt in der Ecke. "Die da drüben, die Jungs, sind schlimmer als wir", sagt die achtjährige Rädelsführerin der Clique. Erst neulich habe ein Junge die Brille eines Mädchens kaputt gemacht. Dass die Lehrer streng mit ihnen seien, sei schon gerecht.

Es klingelt, die Kinder bummeln in ihre Klassenräume. Vor dem Fenster der Schulrektorin Birgit Gegier Steiner, 56, wird es ruhiger. Sie hat im vergangenen Jahr ein Buch herausgebracht. Nach über dreißig Jahren Lehrerfahrung. Artgerechte Haltung. Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung lautet der provokante Titel. Sie plädiert darin für eine neue Jungenpädagogik, die die biologischen Unterschiede der Geschlechter stärker in den Fokus nimmt – und damit auch die spezifischen Bedürfnisse von Jungen. Mit ihrem Buch positioniert sie sich gegen den "Chancengleichheitswahn" und "weichgespülte soziologische Theorien", die die "natürlichen Gegebenheiten ignorieren" würden.

Dass Jungen anders ticken als Mädchen, fiel Steiner auf, als sie zum zweiten Mal heiratete. Ihr Mann brachte drei Söhne mit in die Ehe. Einer lauter als der andere, ständig spielten sie Fußball, jedes Holzstück verwandelten sie in ein Ritterschwert, alles mussten sie erst mit den Händen erforschen. In ihrem Lehramts-Studium sei Gender-Gerechtigkeit das Maß aller Dinge gewesen, sagt Steiner. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien kleingeredet worden, geschlechtsneutrale Erziehung war en vogue. "Auf einmal wurden mir die Unterschiede auch in der Schule wieder viel bewusster, und ich begann, mich intensiv damit zu beschäftigen."

Die Lehrerin sprach mit Orthopäden und Endokrinologen, sie las Studien über hormonelle Entwicklungen und neurologische Verknüpfungen, sie analysierte Videos von den großen Pausen und entdeckte, dass die Jungen einen viel größeren Bewegungsradius haben als ihre Mitschülerinnen. Ihr Fazit: Der unterschiedliche biologische Bauplan von Mädchen und Jungen sei der Grund für ihr Verhalten und ihre Vorlieben.

"Nicht jeder Junge ist benachteiligt, weil er ein Junge ist"

Steiners Thesen sind nicht unumstritten. Wissenschaftler sind vorsichtig, was derartige Pauschalierungen angeht. Der bei älteren Jungen im Schnitt höhere Testosteronspiegel steht zwar tatsächlich im Verdacht, Risikobereitschaft, Wettbewerbsgeist und Aggressionsneigung zu steigern. Mindestens genauso wichtig seien jedoch gesellschaftliche Einflüsse und die Erziehung. "Unsere Persönlichkeit wird von einem komplexen Wechselverhältnis zwischen Biologie und Gesellschaft bestimmt", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland von der Universität Hamburg. Es sei verkehrt, zu denken, dass das Geschlecht an bestimmte Wesenseigenschaften gebunden sei. Stattdessen würden auch unsere Erwartungen und gesellschaftlich geformte Stereotype großen Einfluss haben. Kurzum: Jungs sind wild, frech und unangepasst – weil wir das so wollen.

Derlei Einwände ist Steiner gewohnt. Sie hält dagegen, dass natürlich lange nicht alle Jungen in ihr "Schema" passen würden. "Ich finde es aber falsch, den Fokus auf Minderheiten zu legen und dadurch die Mehrheit zu benachteiligen." Durch die "Feminisierung" des Bildungswesens seien die Interessen der Jungen einfach ins Hintertreffen geraten. Was in den Schulen heute zähle, seien vor allem "typisch weibliche" Eigenschaften: Fleiß, Angepasstheit, soziale Kompetenz. Mit ein Grund: 89 Prozent der Lehrkräfte an deutschen Grundschulen waren 2014 weiblich, selbst an den Gymnasien sind die Frauen mit 58 Prozent bereits in der Mehrheit. Der einzige männliche Lehrer an Steiners Schule ist gerade in Elternzeit. Die Pädagogin weiß aber auch: "Weibliche Lehrer müssen den Jungen nicht schaden, wenn sie in der Lage sind, deren Bedürfnisse zu erkennen und richtig darauf zu reagieren." Die Ansprüche an mehr Geschlechtergerechtigkeit würden viele Lehrerinnen verunsichern. Steiner bekommt mit, wie sie sich Rat holen bei männlichen Bekannten oder Kollegen. Zum Beispiel zu der Frage: Was ist unter Jungs noch spielerisches Anrempeln – und wo beginnt Gewalt?

In ihrem Buch macht Steiner Vorschläge, wie eine jungengerechte Schule aussehen könnte: Fußwippe, Stehpulte, Sitzbälle, ein großer Pausenhof zum Toben. Besonders stolz ist sie auf ihr fußballdidaktisches Erziehungsprinzip. Im Fußballspiel stecke alles drin, was Jungen brauchen, aber auch mögen: klare Strukturen und Regeln. Man könne ihnen Freiraum geben und zugleich Grenzen setzen. Die Jungs selbst könnten individuellen Stil einüben und zugleich Teamgeist beweisen. Regelbrüchen müssten klare Konsequenzen folgen. "Auch Mädchen profitieren von diesem Ansatz", sagt Steiner. "Aber für Jungen ist er existenziell."

Sportunterricht. Auf dem Plan steht freies Spiel. Die Kinder flitzen in die Turnhalle und verschwinden in den Umkleidekabinen. Während die Mädchen in rosafarbenen und geblümten Trainingsanzügen mit den Sprungbällen durch den Saal hüpfen, stürzen sich die Jungs auf die Fußbälle. Steiner blickt triumphierend: "Sehen Sie den Unterschied?"

Danach wird es Zeit für die Forscher-AG. Sieben Kinder versammeln sich um einen großen Tisch, drei Jungs und vier Mädchen. Sie tragen weiße Kittel, Schutzbrillen auf den Nasen und legen ernste Gesichter auf. "Heute erforschen wir das Geheimnis des schwarzen Filzstifts", sagt die Lehrerin. Die Kinder bemalen Filterpapier und tröpfeln mit einer Pipette vorsichtig Wasser auf den schwarzen Punkt in der Mitte. "Cool! Meines wird rot, violett", ruft ein Junge. 45 Minuten sitzt er still, liest die Arbeitsaufträge und experimentiert.

Für Steiner ist eine solche Unterrichtseinheit ein Bilderbuchbeispiel für jungengerechte Erziehung: "Jungen wollen Dinge anfassen, mit ihren Händen entdecken und begreifen." Bei Frontalunterricht oder dem stillen Ausfüllen von Arbeitsblättern fühlten sich viele "emotional unbeteiligt".

Nur langsam entwickelt sich eine Lobby, die sich für die Bedürfnisse von Jungen starkmacht: Lehrerinnen wie Steiner, die auf die Bedürfnisse von Jungs achten, Psychologen, die sich auf Jungs spezialisieren, und spezielle Coaches, die mit Jungen trainieren.

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde von der Europa-Universität Flensburg befürchtet, dass die neue Jungenpädagogik zu einer "Dramatisierung des Geschlechts" führen könnte. Die selbst ernannten Jungenpädagogen seien oft zu verallgemeinernd und zu defizitorientiert. "Aber nicht jeder Junge ist benachteiligt, weil er ein Junge ist", sagt Budde. Leistungsschwächer seien vor allem spezifische Teile innerhalb der Jungengruppe: Jungen mit Migrationshintergrund etwa und solche aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Im Vergleich zu Mädchen aus den gleichen Teilgruppen erzielten diese Jungen tatsächlich die schlechteren Leistungen. Schuld daran seien aber nicht die Gene, sondern deren männliche Peergroup. "Studien haben gezeigt: Jungs orientieren sich im Allgemeinen weniger an dem, was in der Schule an Leistung erwartet wird", sagt Budde. "Schulischer Erfolg gilt oft als unmännlich, wohingegen stören und provozieren tendenziell als männlich wahrgenommen werden."

Es ist nicht lange her, da wusste jeder genau, wie ein "richtiger" Junge zu sein hat: mutig und frech, durchsetzungsstark und aufmüpfig. Ob in Erich Kästners Fliegendes Klassenzimmer oder in Mark Twains Tom Sawyer: Wilde Kämpfe gehörten zum Jungesein dazu.

Heute sind spielerische Raufereien nicht mehr Teil eines typischen Jungenlebens – die Familien sind kleiner geworden, die Schulen vor allem auf Sicherheit bedacht, die Rollenbilder haben sich verändert.

"Jungs müssen sich heute irgendwo zwischen Weichei und Rambo positionieren"

Josef Riederle gründete schon vor über zwanzig Jahren das Kraftprotz-Institut. Mit den sogenannten Kampfesspielen sind er und seine Trainer in Schulen in ganz Deutschland unterwegs. Die Idee: Über den spielerischen Kampf sollen Jungen lernen, besser mit Aggressionen und Emotionen umzugehen. Die Kampfesspiele-Trainer arbeiten mit einzelnen Jungs, aber auch mit ganzen Klassen.

"Wir werden heute kämpfen", sagt Peter Hebeisen zu den Jungs einer siebten Klasse an der Julius-Leber-Schule in Hamburg. Alle jubeln los. Während der muskelbepackte Trainer mit ihnen in die Turnhalle geht, ziehen sich die Mädchen mit einer Sozialpädagogin in einen Klassenraum zurück. In den nächsten Tagen werden sich die Geschlechter nicht oft begegnen. Thema der Projektwoche ist das soziale Lernen. "Aufrecht durch die Welt gehen" nennen die Trainer ihr Programm. Respekt, Selbstbehauptung, Verantwortung. Das sind die Worte, die der Jungen-Coach Hebeisen in seiner Gruppe am häufigsten benutzen wird. "Was ist Respekt?", fragt er, und die Jungs fragen: "Wann kämpfen wir?" Noch nicht. Ein wenig Vorarbeit sei nötig. Denn Kämpfen sei gefährlich, man könne sich verletzen, genau deshalb sei es wichtig, Respekt zu haben, vor sich selbst und vor den anderen. Und den "inneren Schiedsrichter" zu finden.

Die Jungs stehen im Kreis. Ein roter Boxhandschuh wird von einem zum anderen geworfen. Wer die Regeln des Spiels missachtet, soll ohne Aufforderung Liegestütze machen. Das heißt: Ein Fehler, eine Respektlosigkeit – schon müsste sich der innere Schiedsrichter melden. "Wer nur Quatsch macht, macht es den anderen schwer, respektvoll mit ihm umzugehen", sagt Hebeisen. Quatsch machen die Jungen dauernd. Wenn der Trainer ruft: "Matten holen!", rennen und toben sie los, werfen sich im Knäuel auf den Mattenwagen und schaffen es nicht, in der vereinbarten Zeit zurück in der Gruppe zu sein. "Bei den Mädchen wäre das völlig unspektakulär. Die würden vermutlich einfach den Auftrag erledigen. Aber die Jungs machen sofort ein Spiel daraus." Wie viel unverbrauchte Kraft in diesen Jungen steckt, ist an den drei Tagen in der Hamburger Turnhalle nicht zu übersehen. Erschöpfung scheinen diese Siebtklässler nicht zu kennen. Man fragt sich, was sie tagtäglich mit all der Energie machen, wenn sie eingeklemmt hinter ihren Schultischen sitzen.

Der erste Kampf. Zu zweit versuchen sich die Jungs gegenseitig von der Matte zu schieben. Sie drücken, drängeln, schubsen, bekommen rote Gesichter. "Ich kämpfe fair", haben sie vorher im Kreis einer nach dem anderen gesagt. Nicht alle halten sich daran. "Warum kämpfen wir?", steht groß auf einem weißen Plakat, das Hebeisen an die Turnhallenwand geklebt hat. "Ich will mich messen. Zeigen, was ich draufhabe. Weil es lustig ist. Weil es Spaß macht. Weil wir stark sein wollen."

"Raufen und rangeln ist für Jungs eine Form des sozialen Miteinanders", sagt Hebeisen. Aber die Grenzen seien fließend. Schnell könne daraus eine gewalttätige Auseinandersetzung werden. Dass es auch auf Schulhöfen verboten ist, sich zu prügeln, findet Hebeisen richtig. Dennoch brauchten Jungen Räume, in denen sie sich körperlich fair messen können.

"Wann kämpfen wir richtig?", fragen die Jungs. Am dritten Tag dann der Großkampf. Die Jungs werfen sich übereinander, zerren, verkeilen sich, quietschen, kreischen, stöhnen. Das Kämpfen wird zur lustvollen körperlichen Begegnung. Am Ende liegen sie erschöpft nebeneinander, mit geschlossenen Augen, lächelnd. "Jungenkuscheln" nennt Hebeisen das. Für ihn sind das besondere Momente. Wenn er sieht, dass die Jungs den Kontakt zueinander einfach genießen und das Kräftemessen kurz eine Pause macht. Es sei anstrengend geworden, ein Junge zu sein, sagt der Trainer: "Jungs sind heute in einer diffusen Situation. Sie müssen sich irgendwo zwischen Weichei und Rambo positionieren."

Bei den Kampfesspielen aber ginge es nicht darum, kleine Machos heranzuziehen. Stattdessen wollen Josef Riederle und Peter Hebeisen auch die schüchternen, unauffälligen Jungen stärken. "Im Unterricht richtet sich meist die gesamte pädagogische Aufmerksamkeit auf zwei, drei Störer", sagt Riederle. "Wir brauchen mutige Jungen, die sagen: Hör auf mit dem Scheiß!" Normalerweise sind es immer die Mädchen, die als Streitschlichter auftreten. In reinen Jungengruppen müssten diese Lücken von den Jungen selbst neu gefüllt werden.

Bleibt die Frage: Geht es den Jungs heute besser? Die Experten sind sich einig: Es ist sinnvoll, die Bedürfnisse der Jungen in den Blick zu nehmen, jedoch ohne alle über einen Kamm zu scheren. "Jungenpädagogische Angebote dürfen nicht auf Gleichmacherei basieren", sagt Faulstich-Wieland. Vielmehr müssten die Gemeinsamkeiten und die Vielfalt von Jungen und Mädchen im Vordergrund stehen. Auch Mädchen bewegen sich gern, haben Lust am Kräftemessen. Als sie an der Hamburger Schule hören, dass die Jungen mit Hebeisen kämpfen würden, fragen sie sofort: Warum nicht wir? "Es sollte nicht das Bild entstehen: Jungen brauchen Kampfesspiele und Mädchen malen mit Glitzer Prinzessin-Lillifee-Bilder", sagt Jürgen Budde.

Das "Problemkind" Christopher ist heute übrigens keines mehr. Eine schulische Beratungsstelle machte ihn auf die Kampfesspiele aufmerksam. Ein Jahr lang kämpfte er alle zwei Wochen in seiner Freizeit mit anderen Jungen, darunter auch jene, mit denen er in der Schule so häufig aneckte. "Zuerst war ich stutzig", sagt Christophers Mutter. "Ich dachte: Jetzt kämpfen sie ja erst recht!" Aber Christopher wurde immer ruhiger, und wenn es in seinem Inneren mal wieder zu brodeln anfing, sich ein Wutausbruch ankündigte, dachte er an den inneren Schiedsrichter und daran, dass er Verantwortung für sich selbst übernehmen muss. Christopher ist jetzt zehn Jahre alt, hat den Übergang auf eine Realschule geschafft und schreibt gute Noten. Seinen Platz in der Jungengruppe hat er einem anderen überlassen.

Mitarbeit: Jeannette Otto