Steiners Thesen sind nicht unumstritten. Wissenschaftler sind vorsichtig, was derartige Pauschalierungen angeht. Der bei älteren Jungen im Schnitt höhere Testosteronspiegel steht zwar tatsächlich im Verdacht, Risikobereitschaft, Wettbewerbsgeist und Aggressionsneigung zu steigern. Mindestens genauso wichtig seien jedoch gesellschaftliche Einflüsse und die Erziehung. "Unsere Persönlichkeit wird von einem komplexen Wechselverhältnis zwischen Biologie und Gesellschaft bestimmt", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland von der Universität Hamburg. Es sei verkehrt, zu denken, dass das Geschlecht an bestimmte Wesenseigenschaften gebunden sei. Stattdessen würden auch unsere Erwartungen und gesellschaftlich geformte Stereotype großen Einfluss haben. Kurzum: Jungs sind wild, frech und unangepasst – weil wir das so wollen.

Derlei Einwände ist Steiner gewohnt. Sie hält dagegen, dass natürlich lange nicht alle Jungen in ihr "Schema" passen würden. "Ich finde es aber falsch, den Fokus auf Minderheiten zu legen und dadurch die Mehrheit zu benachteiligen." Durch die "Feminisierung" des Bildungswesens seien die Interessen der Jungen einfach ins Hintertreffen geraten. Was in den Schulen heute zähle, seien vor allem "typisch weibliche" Eigenschaften: Fleiß, Angepasstheit, soziale Kompetenz. Mit ein Grund: 89 Prozent der Lehrkräfte an deutschen Grundschulen waren 2014 weiblich, selbst an den Gymnasien sind die Frauen mit 58 Prozent bereits in der Mehrheit. Der einzige männliche Lehrer an Steiners Schule ist gerade in Elternzeit. Die Pädagogin weiß aber auch: "Weibliche Lehrer müssen den Jungen nicht schaden, wenn sie in der Lage sind, deren Bedürfnisse zu erkennen und richtig darauf zu reagieren." Die Ansprüche an mehr Geschlechtergerechtigkeit würden viele Lehrerinnen verunsichern. Steiner bekommt mit, wie sie sich Rat holen bei männlichen Bekannten oder Kollegen. Zum Beispiel zu der Frage: Was ist unter Jungs noch spielerisches Anrempeln – und wo beginnt Gewalt?

In ihrem Buch macht Steiner Vorschläge, wie eine jungengerechte Schule aussehen könnte: Fußwippe, Stehpulte, Sitzbälle, ein großer Pausenhof zum Toben. Besonders stolz ist sie auf ihr fußballdidaktisches Erziehungsprinzip. Im Fußballspiel stecke alles drin, was Jungen brauchen, aber auch mögen: klare Strukturen und Regeln. Man könne ihnen Freiraum geben und zugleich Grenzen setzen. Die Jungs selbst könnten individuellen Stil einüben und zugleich Teamgeist beweisen. Regelbrüchen müssten klare Konsequenzen folgen. "Auch Mädchen profitieren von diesem Ansatz", sagt Steiner. "Aber für Jungen ist er existenziell."

Sportunterricht. Auf dem Plan steht freies Spiel. Die Kinder flitzen in die Turnhalle und verschwinden in den Umkleidekabinen. Während die Mädchen in rosafarbenen und geblümten Trainingsanzügen mit den Sprungbällen durch den Saal hüpfen, stürzen sich die Jungs auf die Fußbälle. Steiner blickt triumphierend: "Sehen Sie den Unterschied?"

Danach wird es Zeit für die Forscher-AG. Sieben Kinder versammeln sich um einen großen Tisch, drei Jungs und vier Mädchen. Sie tragen weiße Kittel, Schutzbrillen auf den Nasen und legen ernste Gesichter auf. "Heute erforschen wir das Geheimnis des schwarzen Filzstifts", sagt die Lehrerin. Die Kinder bemalen Filterpapier und tröpfeln mit einer Pipette vorsichtig Wasser auf den schwarzen Punkt in der Mitte. "Cool! Meines wird rot, violett", ruft ein Junge. 45 Minuten sitzt er still, liest die Arbeitsaufträge und experimentiert.

Für Steiner ist eine solche Unterrichtseinheit ein Bilderbuchbeispiel für jungengerechte Erziehung: "Jungen wollen Dinge anfassen, mit ihren Händen entdecken und begreifen." Bei Frontalunterricht oder dem stillen Ausfüllen von Arbeitsblättern fühlten sich viele "emotional unbeteiligt".

Nur langsam entwickelt sich eine Lobby, die sich für die Bedürfnisse von Jungen starkmacht: Lehrerinnen wie Steiner, die auf die Bedürfnisse von Jungs achten, Psychologen, die sich auf Jungs spezialisieren, und spezielle Coaches, die mit Jungen trainieren.

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde von der Europa-Universität Flensburg befürchtet, dass die neue Jungenpädagogik zu einer "Dramatisierung des Geschlechts" führen könnte. Die selbst ernannten Jungenpädagogen seien oft zu verallgemeinernd und zu defizitorientiert. "Aber nicht jeder Junge ist benachteiligt, weil er ein Junge ist", sagt Budde. Leistungsschwächer seien vor allem spezifische Teile innerhalb der Jungengruppe: Jungen mit Migrationshintergrund etwa und solche aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Im Vergleich zu Mädchen aus den gleichen Teilgruppen erzielten diese Jungen tatsächlich die schlechteren Leistungen. Schuld daran seien aber nicht die Gene, sondern deren männliche Peergroup. "Studien haben gezeigt: Jungs orientieren sich im Allgemeinen weniger an dem, was in der Schule an Leistung erwartet wird", sagt Budde. "Schulischer Erfolg gilt oft als unmännlich, wohingegen stören und provozieren tendenziell als männlich wahrgenommen werden."

Es ist nicht lange her, da wusste jeder genau, wie ein "richtiger" Junge zu sein hat: mutig und frech, durchsetzungsstark und aufmüpfig. Ob in Erich Kästners Fliegendes Klassenzimmer oder in Mark Twains Tom Sawyer: Wilde Kämpfe gehörten zum Jungesein dazu.

Heute sind spielerische Raufereien nicht mehr Teil eines typischen Jungenlebens – die Familien sind kleiner geworden, die Schulen vor allem auf Sicherheit bedacht, die Rollenbilder haben sich verändert.