Josef Riederle gründete schon vor über zwanzig Jahren das Kraftprotz-Institut. Mit den sogenannten Kampfesspielen sind er und seine Trainer in Schulen in ganz Deutschland unterwegs. Die Idee: Über den spielerischen Kampf sollen Jungen lernen, besser mit Aggressionen und Emotionen umzugehen. Die Kampfesspiele-Trainer arbeiten mit einzelnen Jungs, aber auch mit ganzen Klassen.

"Wir werden heute kämpfen", sagt Peter Hebeisen zu den Jungs einer siebten Klasse an der Julius-Leber-Schule in Hamburg. Alle jubeln los. Während der muskelbepackte Trainer mit ihnen in die Turnhalle geht, ziehen sich die Mädchen mit einer Sozialpädagogin in einen Klassenraum zurück. In den nächsten Tagen werden sich die Geschlechter nicht oft begegnen. Thema der Projektwoche ist das soziale Lernen. "Aufrecht durch die Welt gehen" nennen die Trainer ihr Programm. Respekt, Selbstbehauptung, Verantwortung. Das sind die Worte, die der Jungen-Coach Hebeisen in seiner Gruppe am häufigsten benutzen wird. "Was ist Respekt?", fragt er, und die Jungs fragen: "Wann kämpfen wir?" Noch nicht. Ein wenig Vorarbeit sei nötig. Denn Kämpfen sei gefährlich, man könne sich verletzen, genau deshalb sei es wichtig, Respekt zu haben, vor sich selbst und vor den anderen. Und den "inneren Schiedsrichter" zu finden.

Die Jungs stehen im Kreis. Ein roter Boxhandschuh wird von einem zum anderen geworfen. Wer die Regeln des Spiels missachtet, soll ohne Aufforderung Liegestütze machen. Das heißt: Ein Fehler, eine Respektlosigkeit – schon müsste sich der innere Schiedsrichter melden. "Wer nur Quatsch macht, macht es den anderen schwer, respektvoll mit ihm umzugehen", sagt Hebeisen. Quatsch machen die Jungen dauernd. Wenn der Trainer ruft: "Matten holen!", rennen und toben sie los, werfen sich im Knäuel auf den Mattenwagen und schaffen es nicht, in der vereinbarten Zeit zurück in der Gruppe zu sein. "Bei den Mädchen wäre das völlig unspektakulär. Die würden vermutlich einfach den Auftrag erledigen. Aber die Jungs machen sofort ein Spiel daraus." Wie viel unverbrauchte Kraft in diesen Jungen steckt, ist an den drei Tagen in der Hamburger Turnhalle nicht zu übersehen. Erschöpfung scheinen diese Siebtklässler nicht zu kennen. Man fragt sich, was sie tagtäglich mit all der Energie machen, wenn sie eingeklemmt hinter ihren Schultischen sitzen.

Der erste Kampf. Zu zweit versuchen sich die Jungs gegenseitig von der Matte zu schieben. Sie drücken, drängeln, schubsen, bekommen rote Gesichter. "Ich kämpfe fair", haben sie vorher im Kreis einer nach dem anderen gesagt. Nicht alle halten sich daran. "Warum kämpfen wir?", steht groß auf einem weißen Plakat, das Hebeisen an die Turnhallenwand geklebt hat. "Ich will mich messen. Zeigen, was ich draufhabe. Weil es lustig ist. Weil es Spaß macht. Weil wir stark sein wollen."

"Raufen und rangeln ist für Jungs eine Form des sozialen Miteinanders", sagt Hebeisen. Aber die Grenzen seien fließend. Schnell könne daraus eine gewalttätige Auseinandersetzung werden. Dass es auch auf Schulhöfen verboten ist, sich zu prügeln, findet Hebeisen richtig. Dennoch brauchten Jungen Räume, in denen sie sich körperlich fair messen können.

"Wann kämpfen wir richtig?", fragen die Jungs. Am dritten Tag dann der Großkampf. Die Jungs werfen sich übereinander, zerren, verkeilen sich, quietschen, kreischen, stöhnen. Das Kämpfen wird zur lustvollen körperlichen Begegnung. Am Ende liegen sie erschöpft nebeneinander, mit geschlossenen Augen, lächelnd. "Jungenkuscheln" nennt Hebeisen das. Für ihn sind das besondere Momente. Wenn er sieht, dass die Jungs den Kontakt zueinander einfach genießen und das Kräftemessen kurz eine Pause macht. Es sei anstrengend geworden, ein Junge zu sein, sagt der Trainer: "Jungs sind heute in einer diffusen Situation. Sie müssen sich irgendwo zwischen Weichei und Rambo positionieren."

Bei den Kampfesspielen aber ginge es nicht darum, kleine Machos heranzuziehen. Stattdessen wollen Josef Riederle und Peter Hebeisen auch die schüchternen, unauffälligen Jungen stärken. "Im Unterricht richtet sich meist die gesamte pädagogische Aufmerksamkeit auf zwei, drei Störer", sagt Riederle. "Wir brauchen mutige Jungen, die sagen: Hör auf mit dem Scheiß!" Normalerweise sind es immer die Mädchen, die als Streitschlichter auftreten. In reinen Jungengruppen müssten diese Lücken von den Jungen selbst neu gefüllt werden.

Bleibt die Frage: Geht es den Jungs heute besser? Die Experten sind sich einig: Es ist sinnvoll, die Bedürfnisse der Jungen in den Blick zu nehmen, jedoch ohne alle über einen Kamm zu scheren. "Jungenpädagogische Angebote dürfen nicht auf Gleichmacherei basieren", sagt Faulstich-Wieland. Vielmehr müssten die Gemeinsamkeiten und die Vielfalt von Jungen und Mädchen im Vordergrund stehen. Auch Mädchen bewegen sich gern, haben Lust am Kräftemessen. Als sie an der Hamburger Schule hören, dass die Jungen mit Hebeisen kämpfen würden, fragen sie sofort: Warum nicht wir? "Es sollte nicht das Bild entstehen: Jungen brauchen Kampfesspiele und Mädchen malen mit Glitzer Prinzessin-Lillifee-Bilder", sagt Jürgen Budde.

Das "Problemkind" Christopher ist heute übrigens keines mehr. Eine schulische Beratungsstelle machte ihn auf die Kampfesspiele aufmerksam. Ein Jahr lang kämpfte er alle zwei Wochen in seiner Freizeit mit anderen Jungen, darunter auch jene, mit denen er in der Schule so häufig aneckte. "Zuerst war ich stutzig", sagt Christophers Mutter. "Ich dachte: Jetzt kämpfen sie ja erst recht!" Aber Christopher wurde immer ruhiger, und wenn es in seinem Inneren mal wieder zu brodeln anfing, sich ein Wutausbruch ankündigte, dachte er an den inneren Schiedsrichter und daran, dass er Verantwortung für sich selbst übernehmen muss. Christopher ist jetzt zehn Jahre alt, hat den Übergang auf eine Realschule geschafft und schreibt gute Noten. Seinen Platz in der Jungengruppe hat er einem anderen überlassen.

Mitarbeit: Jeannette Otto