Was wird aus einem 75-jährigen Mann und einer 42-jährigen Frau, er Metzger, sie Sekretärin, die einander nicht kennen und nichts miteinander gemein haben, außer dass sie sich zur selben Zeit im selben Gebäude, einem Londoner Bahnhof, befinden? Es wird, im realen Leben, nichts aus ihnen – sie gehen aneinander vorbei, zwei Gestalten, die kurz zusammen im Bild einer Überwachungskamera auftauchen und ansonsten keinen gemeinsamen Auftritt haben werden.

Im Grunde bestehen große Städte aus lauter solchen Unmöglichkeitspaaren, die sich mit hohem Aufwand blind stellen beziehungsweise einander für unsichtbar erklären: Liebessüchtige, die ihresgleichen ignorieren. Schützen, deren Blicke ins Leere zielen. Der Engländer Simon Stephens beugt sich in seinem Stück Heisenberg über eine solche Menschenmenge und kescht zwei von ihnen, den alten Metzger Alex und die Sekretärin Georgie heraus: Was wäre, fragt Stephens, wenn diese beiden in Kontakt gerieten und, noch viel unwahrscheinlicher, mehr als drei Worte miteinander wechselten?

Das Stück lässt sich als Versuchsanordnung verstehen, und dass es den Namen eines Physikers, Werner Heisenberg, als Titel trägt, hat keine allzu tiefen inhaltlichen Gründe. Es ist zu vermuten, dass Stephens’ Erfindungslust eher assoziativ von Heisenbergs "Unschärferelation" geweckt wurde – der Dramatiker als Teilchen-Forscher im öffentlichen Raum.

Warum also lernen zwei wie Alex und Georgie einander kennen? Durch einen Irrtum. Georgie küsst Alex in den Nacken, weil sie ihn mit ihrem (toten) Ehemann verwechselt. Nun, im Moment nach dem Kuss, fängt das Stück an. Heisenberg ist eine keusche Angelegenheit, zumal in Lore Stefaneks deutscher Erstaufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus: Die Darsteller, Burkhart Klaußner und Caroline Peters, berühren sich so gut wie nie, und erst in der letzten Szene küsst sie ihn vorsichtig auf die Wange.

Bald stellt sich heraus, dass Georgie gelogen hat: Sie war nie verheiratet, und vermutlich hat sie Alex geküsst, um ihn an sich zu binden. Sie braucht nämlich Geld; sie muss dringend in die USA. Alex und Georgie sind ein typisches unmögliches Komödiengegensatzpaar: er alt, misstrauisch, verbittert, in Routinen erstarrt, sie hungrig, unberechenbar, ausfallend, irrlichternd, tollkühn. Der Dialog der beiden hat, bei aller Unterschiedlichkeit der Stimmen, Züge eines kalten, existenzialistischen Poker-Spiels: Jeder Satz ist ein Einsatz ums Ganze. In jeder Sekunde kann alles enden: Wollen wir weiterreden? Oder machen wir Schluss und lassen uns zurückfallen ins Heer der Unberührbaren?

Das Central-Theater, eine Probebühne am Hauptbahnhof, in welcher das Düsseldorfer Theater für die unabsehbare Renovierungszeit seiner eigentlichen Spielstätte haust, ist der ideale Ort für ein kaltes, klares Spiel: Es gibt dort kaum Möglichkeiten, einer Inszenierung technisch aufzuhelfen, man ist aufs pure Können der Darsteller angewiesen.

Das einzige wesentliche Möbelstück auf der Bühne (Janina Audick) ist ein Getränkeautomat, worin sich Fläschchen mit einer Flüssigkeit namens Soylent befinden – eine Anspielung auf die klassische Film-Dystopie Soylent Green, welche von einer Gesellschaft erzählt, in der alte Menschen eingeschläfert und als Futter für die Überlebenden verwertet werden. Alex, der Mann in Heisenberg, ist ja auch schon 75, es ist ihm gesellschaftlich kaum gestattet, sich noch in eine junge Frau zu verlieben. Menschen in seinem Alter sollen gefälligst andere Alte lieben beziehungsweise in der Erinnerung an geliebte Tote leben.