Alfred Hitchcock sagte einmal, ein Film sei so gut wie sein Schurke – bedeutet dies, wir hätten eine gute Präsidentschaftswahl, weil Trump einen fast schon idealen Schurken abgibt? Machen die Enthüllungen seiner Kommentare über die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen nicht klar, dass wir über die Sphäre der eigentlichen Politik bereits hinaus sind? Die Enthüllungen hatten doch etwas Lächerliches: War so etwas nicht völlig zu erwarten? Um es geschmacklos zu formulieren, klingt das so, als lüde man Hitler zum Essen ein und zeigte sich dann überrascht, wenn dieser mit antisemitischen Sprüchen um sich wirft. Was haben die Republikaner, die ihn unterstützten, denn geglaubt, wer Trump ist? Betroffenheit zu bekunden ist heuchlerisch und, viel mehr als Trumps Strauß an Vulgaritäten, ein trauriges Symptom unserer gegenwärtigen Lage.

Die Figur Trump ist ein Exzess an Irrwitz, ein vulgärer Ausbeuter unserer schlimmsten rassistischen und sexistischen Vorurteile, ein Chauvinist ohne den geringsten Anstand, von dem sich selbst namhafte Republikaner in Scharen abwenden. Uns stehen echte "Wohlfühlwahlen" ins Haus: Trotz all unserer Probleme und kleinen Streitigkeiten können wir angesichts einer echten Bedrohung alle zusammenfinden, um nicht nur unsere demokratischen Grundwerte zu verteidigen, wie es Frankreich nach den Terrorattentaten gelang, sondern auch schlicht unser Anstandsgefühl.

Dieser überaus bequeme demokratische Konsens sollte uns jedoch beunruhigen. Wir sollten einen Schritt zurücktreten und uns selbst in den Blick nehmen: Welche "Farbe" hat diese allumfassende demokratische Einheit der Anständigen eigentlich? Alle sind dabei, von der Wall Street über die Anhänger von Bernie Sanders bis zu den Überresten der Occupy-Bewegung, von Großkonzernen bis zu Gewerkschaften, von Armeeveteranen bis zu Lesben, Homosexuellen, Bisexuellen, Transgenderpersonen und sonstigen sexuellen Minderheiten (LGBT+), von Umweltschützern (die entsetzt sind über Trumps Leugnung der Erderwärmung) und Feministinnen (die über die Aussicht auf die erste amerikanische Präsidentin frohlocken) bis zu "anständigen" Vertretern des republikanischen Establishments, die vor Trumps Widersprüchlichkeiten und unverantwortlichen "demagogischen" Vorschlägen zurückschrecken. Genau diese Widersprüchlichkeiten allerdings machen seine Position so einzigartig – man denke beispielsweise an die Doppeldeutigkeit seiner Haltung zu LGBT oder zur Abtreibung, die Yanis Varoufakis, der ehemalige Finanzminister Griechenlands in einer persönlichen Mitteilung wie folgt beschreibt:

"Nach dem Attentat von Orlando gab er sich LGBT-Opfern/Personen gegenüber ganz warmherzig – in einer Weise, wie dies kein anderer Republikaner gewagt hätte. Auch ist allgemein bekannt, dass er kein 'gläubiger' Christ ist, sondern nur den Schein wahren will – und mit 'allgemein bekannt' meine ich, dass die Methodisten, die Mormonen und die anderen christlichen Sekten, aus denen sich die fundamentalistische Front in den USA zusammensetzt, dies wissen. Und schließlich vertritt er in der Abtreibungsfrage seit Jahrzehnten eine liberale Position, und auch hier ist allgemein bekannt, dass er gegen eine Rücknahme der Roe-v.-Wade-Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs ist. Kurzum, Trump ist es gelungen, zum ersten Mal seit Nixon die Kulturpolitik der Republikaner zu verändern. Durch die Wahl einer krassen, frauenfeindlichen, rassistischen Sprache hat er es geschafft, die Republikanische Partei aus ihrer fundamentalistischen, homophoben und abtreibungsfeindlichen ideologischen Zwangsjacke zu befreien. Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch, den nur ein Hegelianer begreifen kann!"

Der Verweis auf Hegel ist völlig berechtigt: Trumps vulgärer rassistischer und misogyner Stil hat es ihm ermöglicht, das konservativ-fundamentalistische republikanische Dogma zu untergraben – dessen wahrer Vertreter ein Freak wie Ted Cruz ist, weshalb man Cruz’ Hass auf Trump gut nachvollziehen kann. Trump ist nicht einfach der Kandidat der konservativen Fundamentalisten, er ist vielmehr für diese Gruppe eine vielleicht noch größere Bedrohung als für die "vernünftigen" moderaten Republikaner. (Es wäre absurd, den hedonistischen und promiskuitiven Trump für einen christlichen Helden zu halten.) Das Paradox besteht darin, dass Trump den fundamentalistischen Kern der Republikanischen Partei innerhalb ihres eigenen ideologischen Rahmens nur zersetzen konnte, indem er sich rassistischer und sexistischer populistischer Vulgaritäten bediente. Diese Komplexität geht in der üblichen linksliberalen Dämonisierung Trumps unter. Und warum? Um das zu sehen, sollten wir wieder den Hillary-Konsens in den Blick nehmen und uns fragen: Was wird in der scheinbar allumfassenden Versammlung von Demokraten unsichtbar?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Der gleiche Volkszorn, der Trump gebar, brachte auch Sanders hervor, und während beide der weitverbreiteten sozialen und politischen Unzufriedenheit Ausdruck verleihen, tun sie es auf entgegengesetzte Weise: der eine mit rechtem Populismus und der andere mit der linken Forderung nach Gerechtigkeit. Und hier ist der Trick: Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie.

Genau diese Haltung trieb Madeleine Albright, eine bedeutende "feministische" Clinton-Unterstützerin, auf die Spitze. In der CBS-Sendung 60 Minutes vom 12. Mai 1996 war Albright nach den Sanktionen gegen den Irak gefragt worden, unter denen die Zivilbevölkerung gelitten hatte: "Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sein sollen. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima umgekommen sind. Ist der Preis es wert?" Albright entgegnete in aller Seelenruhe: "Ich glaube, das ist eine sehr harte Entscheidung, aber der Preis, glauben wir, ist es wert." Übergehen wir fast alle Fragen, die diese Antwort aufwirft (einschließlich der interessanten Verschiebung von "ich" zu "wir"), und konzentrieren wir uns auf nur einen Aspekt: Können wir uns vorstellen, welcher Sturm der Entrüstung ausbräche, wenn dieselbe Antwort von Putin oder dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping oder dem iranischen Präsidenten Ruhani käme? Würden sie nicht sofort in all unseren Schlagzeilen als barbarische Monster angeprangert? In ihrem Wahlkampf für Hillary sagte Albright: "Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen, die sich nicht gegenseitig helfen!" (Soll heißen: die für Sanders stimmen statt für Clinton.) Vielleicht sollten wir ergänzen: Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen (und Männer), die glauben, eine halbe Million toter Kinder seien ein tragbarer Preis für ein verheerendes Sanktionsregime, während sie gleichzeitig zu Hause von ganzem Herzen Frauen- und Homosexuellenrechte fördern. Ist Albrights Ausspruch nicht viel obszöner als sämtliche von Trumps sexistischen Banalitäten?

Trump ist nicht das Schmutzwasser, das man ausschütten sollte, um das gesunde Kind der US-Demokratie zu bewahren, er ist selbst das schmutzige Kind, das mit dem Bade ausgeschüttet werden soll, um das wahre Schmutzwasser der sozialen Beziehungen zu verschleiern, die den Hillary-Konsens tragen. Die Botschaft dieses Konsenses an die Linken lautet: Ihr könnt alles kriegen, was ihr wollt, wir behalten uns nur das Wesentliche vor: das ungehinderte Funktionieren des globalen Kapitals. Präsident Obamas "Yes we can" gewinnt damit eine neue Bedeutung: Ja, wir können alle eure kulturellen Forderungen erfüllen, ohne die globale Marktwirtschaft zu gefährden – also besteht auch keine Notwendigkeit für radikale wirtschaftliche Maßnahmen.

Deshalb hat Julian Assange recht mit seinem Kreuzzug gegen Hillary, und deshalb irren die Liberalen, die ihn dafür kritisieren, dass er die einzige Person angreift, die uns vor Trump retten kann. Was es anzugreifen gilt, ist genau dieser demokratische Konsens gegen den Schurken. Jetzt, wo sich Trumps Wahlkampf in einer Abwärtsspirale verfangen hat, hätte man erwarten können, dass sich Hillary nach links orientiert, da sie die Stimmen vieler unentschiedener gemäßigter und sogar konservativer Wähler schon sicher hat – aber sie tut genau das Gegenteil und rückt weiter in die Mitte, um die Stimmen jener Wähler zu bekommen, die Trump den Rücken kehren.

Und der arme Bernie Sanders? Leider traf Trump ins Schwarze, als er Bernies Unterstützung für Hillary mit der Unterstützung eines Occupy-Anhängers für Lehman Brothers verglich. Sanders sollte sich einfach zurückziehen und würdevoll schweigen, sodass seine Abwesenheit schwer auf den Hillary-Feierlichkeiten lasten und uns daran erinnern würde, was dort fehlt – um so den Raum für künftige radikalere Alternativen offenzuhalten.

Aus dem Englischen von Michael Adrian