Lehrer, die mit dem Motorrad zur Schule kommen, sind in Deutschland leicht verwegene Gestalten. Das kann man von Jaldhir Singh nicht sagen. Der schnurrbärtige 42-Jährige ist eine gemütliche, unaufgeregte Erscheinung. Sein Motorrad ist kein Statement, sondern das einfachste Mittel, um von seiner Wohnung in der nordindischen Stadt Rohtak zu seiner Schule zu kommen. Sie liegt auf dem Land, etwa 300 Kinder aus den umliegenden Dörfern besuchen sie, von der fünften bis zur zwölften Klasse.

Das Zweirad ist in Indien ein viel weiter verbreitetes Transportmittel als im Westen. Pro Jahr werden hier mehr als fünf Millionen Scooter und über zehn Millionen Motorräder verkauft. Für die Jahre 2016 und 2017 erwartet die Branche ein Umsatzwachstum von neun bis zehn Prozent. Das Zweirad nutzen nicht bloß junge Leute, sondern ebenso Angestellte, die ins Büro fahren. Es befördert ganze Familien, manchmal sieht man fünf Personen aus drei Generationen auf einen Sattel gequetscht. Nicht das Auto, das für die meisten Inder unerschwinglich bleibt, sondern der Scooter und das Motorrad sind der erste Schritt in die moderne Mobilität. Sie ebnen den Weg zu neuen Lebenschancen: Wer motorisiert ist, kann einen Job annehmen, der sonst zu weit weg wäre. Mädchen und Frauen werden unabhängig von Bussen und Autorikschas, in denen sie oft der Zudringlichkeit von Männern ausgesetzt sind.

Die jungen, aufstrebenden Käufer haben ein bisschen Geld – und eine Menge Träume

"Das Motorrad", sagt Bharatendu Kabi, der Kommunikationschef des Zweiradherstellers und Marktführers Hero, "ist nicht einfach ein Verkehrsmittel, es ist ein Veränderungsmittel." Kein anderes Produkt, abgesehen vom Mobiltelefon, verkörpert den Umbruch und die Dynamik auch in der breiten Masse der indischen Milliardengesellschaft so sehr wie das Zweirad. Das Motorrad ist das Gefährt und das Erkennungszeichen der aspirational class, die Marketingexperten, Politikern und Soziologen gleichermaßen als Schlüssel zur Zukunft des Landes gilt: jene Leute, die noch lange nicht zur wohlhabenden Mittelschicht gehören, aber schon ein bisschen Geld haben und eine Menge Träume. Alte Rollenmuster und Verhaltensnormen sind für sie nicht mehr wie in Beton gegossen: "Warum sollen die Jungs den ganzen Spaß haben?", war vor ein paar Jahren ein Werbeslogan, um den Scooter auch unter Mädchen und Frauen populär zu machen. Die Moderne kommt nach Indien – auf zwei Rädern.

Lehrer Singh hat sein Motorrad vor ein paar Jahren für umgerechnet etwa 500 Euro gekauft. Mit seinem Gehalt konnte er es sich erlauben, die Summe bar zu bezahlen. Als Lehrer steht er am oberen Ende der Sozial- und Einkommenspyramide in der Zweiradwelt, er ist sogar schon dabei, aus diesem Gesellschaftssegment hinauszuwachsen: In ein paar Monaten will er ein Auto anschaffen. Solche großen Sprünge sind für die meisten Zweiradkunden unvorstellbar, viele müssen ihren Kauf mit einem Kredit finanzieren. Der Benzinpreis spielt für die indischen Zweiradfahrer dagegen keine große Rolle: Die verbrauchsgünstigsten Motorräder schaffen mit einem Liter Kraftstoff mehr als hundert Kilometer.

Diese Vorteile und die Perspektive, dass ihre Kinder auf zwei Rädern den Aufstieg in die Mittelschicht schaffen, haben auch Sudesh in ein Geschäft für Hero-Fabrikate in Rohtak gelockt, zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Der verglaste Ausstellungsraum erstreckt sich über zwei Etagen, zwanzig junge Angestellte in Firmenshirts bedienen die Kunden, die häufig ein weißes Tuch um den Kopf geschlungen haben, eine Art zerzausten Turban, wie er unter den Bauern in dieser Region Indiens üblich ist. Ein paar Verkäuferinnen gibt es auch, sie kümmern sich eigens um die weibliche Kundschaft.

"Ich hätte gern einen Scooter für meine Tochter", sagt Sudesh gut gelaunt, während ihr Mann und ihr Sohn etwas verlegen und schweigsam danebensitzen. Und wofür braucht die Tochter den Scooter? "Für den Weg zum College und für Besuche bei ihren Freundinnen." Sudeshs Familie kann sich eine solche Anschaffung nicht ohne Weiteres leisten. 20 Prozent des Kaufpreises von rund 600 Euro zahlen sie sofort an, die restlichen vier Fünftel werden vom unternehmenseigenen Hero-Finanzinstitut als Darlehen vorgestreckt und in monatlichen Raten abgezahlt – zu satten 12,75 Prozent Zinsen. Sudeshs Mann verdient als Staatsangestellter nicht viel – aber sein Job ist sicher, und daher ist die Familie kreditwürdig. Der Scooter wird ein Präsent zu Diwali sein, dem wichtigsten hinduistischen Fest Ende Oktober.