Wie schwer es sein kann, am Bahnhof eine einfache Fahrkarte zu kaufen, einem Gesprächspartner in die Augen zu sehen, Franziska hat all das nicht vergessen. Es war die Zeit, bevor sie auf das Internat kam. Sie war damals extrem schüchtern, hatte Depressionen und eine Essstörung. An manchen Tagen ernährte sie sich von nichts anderem als von Blumenkohl, Kaffee und Flohsamen, fettfrei musste es sein. Wirklich lebendig fühlte sie sich damals nur bei Onlinespielen, in einer animierten Welt voller Elfen, Drachen und Monster.

Ein Jahr später sitzt Franziska in Jeans und Flipflops auf einer Düne über der Nordsee, schaut auf Salzwiesen, Galloway-Rinder und das Meer. "Diese Zeit mit 15, 16, die Pubertät, das war die schwierigste in meinem Leben", sagt sie. Wenn Franziska über sich selbst in der Vergangenheit spricht, klingt es, als rede sie über einen anderen Menschen.

Pubertät – das bedeutet Metamorphose, Persönlichkeitsentwicklung, umschreibt einen Prozess, an dessen Ende aus einem Kind ein Erwachsener geworden ist. Bei Franziska hakte es irgendwo zwischendurch. Da war sie sich selbst so fremd, dass sie sich niemandem mehr zeigen wollte, alles verweigerte. Die sichere Einserschülerin, die am Gymnasium freiwillig Japanisch lernte und jeden Tag drei Stunden Klavier übte – sie konnte sich plötzlich nicht mehr konzentrieren, schrieb schlechte Noten, hatte Prüfungsangst, traute sich nicht mehr zu Vorspielen am Klavier. Geändert hat sich das erst hier, auf diesem Stückchen Land mitten im Meer, auf Spiekeroog, wo Franziska die Hermann Lietz-Schule besucht.

Stress in der Pubertät – das sei ein häufiger Grund für Familien, sich für ein Internat zu entscheiden, sagt der Schulleiter Florian Fock. "Ob das Internat dann tatsächlich eine Lösung ist, hängt vor allem davon ab, ob die Jugendlichen selbst hierherkommen wollen oder ob das eher der Wunsch der Eltern ist."

Seit 15 Jahren schon begleitet Fock die Kinder und Jugendlichen auf Spiekeroog, sieht in ihre Gesichter, wenn sie ankommen, und sieht, wie sich verändert haben, wenn sie sich am Ende ihrer Schulzeit bei ihm verabschieden. Fock hat sich nicht nur dafür entschieden, im Landerziehungsheim zu arbeiten, er lebt hier auch, mit Frau und zwei Kindern inmitten all seiner Schüler auf dem Internatsgelände. "Weil hier eine ganz andere Beziehung zwischen Lehrern und Schülern möglich ist", sagt er. "Weil wir hier den Alltag miteinander teilen."

94 Kinder und Jugendliche besuchen die Schule, die inklusive der Unterbringung im Monat durchschnittlich 2500 Euro kostet. Bei 25 Prozent der Schüler werden die Kosten vom Jugendamt übernommen. Dazu kommen Stipendiaten und Kinder, die hier nur den Unterricht besuchen, aber bei ihren Eltern im zwei Kilometer entfernten Inseldorf leben.

Das Internat, 1928 gegründet, arbeitet erlebnispädagogisch, ganz im Sinne des Reformpädagogen Hermann Lietz. Die Jugendlichen sollen lernen, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, mehr als nur ihre eigenen Interessen im Blick zu haben. Neben dem Unterricht bauen sie Gemüse an, reparieren Boote oder arbeiten im schuleigenen Musikclub, dem Beathaus. Jedes Jahr im Herbst starten einige Schüler der zehnten Klasse auf einem traditionellen Großsegler zu einer sechsmonatigen Fahrt über den Atlantik. Wer auf der Insel bleibt, kann auf den sieben schuleigenen Segelbooten das Handwerk lernen oder sich in der Bootsbaugilde um Jollen und Korsare kümmern.

"Sail more, work less" steht auf dem T-Shirt von Florian Fock. Er segelt selbst, fährt das zwölf Meter lange Plattbodenschiff der Schule und hält es gemeinsam mit den Schülern instand. "Jugendliche muss man auf allen Ebenen ansprechen, die wollen nicht nur davon hören, wie die Welt funktioniert, sondern das selbst erfahren", sagt Fock. Ein Winter-Orkan auf der Insel habe ebenso einen Erlebniswert wie die drei Tage im Jahr, die jeder hier vom Unterricht freigestellt sei, um in der Küche zu arbeiten.

Die Nordsee ist Florian Focks größter Verbündeter, wenn es darum geht, "der Digitalisierung etwas entgegenzusetzen", "für Bodenhaftung zu sorgen". Kopf, Herz und Hand sollten sich gleichermaßen entwickeln. Gerade in der Pubertät sei es wichtig, sich zu spüren. "In unserer Gesellschaft wird Jugendlichen zu wenig zugetraut", sagt er. Diesen Eindruck hat der 13-Jährige Phil vermutlich gerade nicht. Er steht mit einer Axt über dem Kopf vor dem Bootshaus und ruft mit einer Stimme, die zwischen hohen und tiefen Tönen hin- und herspringt: "Ich mach das Schrott, ich hau da drauf!" Während Phil die Axt auf ein ausrangiertes Kunststoffboot hinuntersausen lässt, macht der Segellehrer neben ihm eine Pause und schaut Phil amüsiert zu.