Manchmal sagt man etwas Dummes und schämt sich dafür. Aber statt danach lieber zu schweigen, sagt man noch etwas, um das Dumme zu erklären, und verschlimmert damit die Situation weiter. Versucht man dann, die Misere zu benennen, dass mit jedem Satz alles nur noch schlimmer wird, entwickelt sich die Lage erst recht ins Aussichtslose. Solche Situationen sind wie Treibsand: Je heftiger man sich freistrampeln will, desto tiefer versinkt man.

Genauso funktioniert das Internet, und das ist auch die Botschaft des amerikanischen Autors Jarett Kobek, dessen Debütroman den Titel Ich hasse dieses Internet trägt. Das Buch hat in den USA bei Kritikern bereits für Furore gesorgt, jetzt ist es auch hierzulande erschienen. Weil sich in Deutschland alle schrecklich nach klugen Internetkritikern sehnen, wurde Kobek gleich zum neuen Evangelisten der Netzskepsis befördert. Vielleicht war diese Beförderung etwas voreilig.

Der Roman erzählt von einem Kreis befreundeter Künstler, die 2013 in und um San Francisco leben und arbeiten, also direkt am Schlund der Internethölle. Die Freunde wollen nichts zu tun haben mit der verhassten Silicon-Valley-Blase, sind aber notgedrungen in ihr gefangen, kulturpessimistische Randfiguren im Digitalmekka: Adeline, eine Zeichnerin kultisch verehrter Avantgarde-Comics; Jeremy, ein afroamerikanischer Comicautor; außerdem ein türkischstämmiger Schriftsteller, der stets als J. Karacehennem auftritt – und der recht eindeutig als Kobeks Alter Ego zu erkennen ist. (Auch Kobek ist Ende 30 und hat bis vor einigen Jahren in San Francisco gelebt.) Aus nächster Nähe und voller Abscheu beobachten Adeline, Jeremy und Karacehennem Kultur und Realität des Internets, wie es sich in der Bay Area niederschlägt. Wo früher die schönsten und schillerndsten Figuren der Gegenkultur und die Verrückten Amerikas ihr Zuhause hatten, wimmeln nun vor allem herum: "Unix-Systemadministratoren, Netzwerktechniker und Ruby-Entwickler, aus denen das Informatikstudium funktionale Analphabeten gemacht hatte".

Adeline muss hilflos mitansehen, wie sich San Francisco Straßenzug um Straßenzug verändert. Aus Untergrund-Comicläden werden exklusive Boutiquen für Sexspielzeug. Verblendete Berufsanfänger treiben die Mieten in die Höhe und lassen sich in den berüchtigten Luxusbussen zu ihrer Arbeit in die Google-Werke chauffieren. Adeline und die anderen spazieren durch diese Gentrifizierungskatastrophe, sie telefonieren miteinander und besuchen Lesungen. In den pointierten Dialogen geht es stets um das gleiche Thema – wie sehr sie das alles verachten: San Francisco im Jahr 2013; Adelines Liebhaber Erik, Partner einer Investmentfirma, der Risikokapital an Start-ups verteilt; die ganze Welt, die vom Internet verseucht ist. Während dieser Tiraden sprechen die Figuren genau wie der Erzähler, der ebenfalls ständig aufs Internet schimpft. Ansonsten passiert nicht viel.

Ich hasse dieses Internet ist kein guter Roman. Selbst der Erzähler gesteht das gleich zu Beginn. Es handele sich um einen absichtlich schlechten Roman, beipackzettelt er, denn es sei sinnlos geworden, gute Romane zu schreiben. "Es gab nur eine Lösung, wollte man als Autor über das Internet schreiben", sie lautet: "schlechte Romane zu schreiben, die das Rechnernetz mit seiner Besessenheit von Fast-Food-Medien imitieren".

Deswegen hat Kobek sein Buch um eine Idee herumgestrickt, die in dieser Form überhaupt keinen Romanstoff hergibt, sondern nur Material für einen längeren Zeitungsessay. Nicht einmal von einem Thesenroman ließe sich sprechen, eher von einer Schrei-Therapie. Adeline, ihre Geistesbrüder und der Erzähler, der Unterschied ist, wie gesagt, nur nominell, wiederholen in immer neuen Varianten ihre Hassgedanken. Man müsse das Internet hassen, weil es von weißen "kriegstreibenden Männern" erfunden wurde, denen Meinungsfreiheit ein schätzenswertes Gut war; und Meinungsfreiheit ist jetzt die Freiheit eines jeden, bei Twitter Frauen Mord, Totschlag und Vergewaltigungen anzudrohen. Am widerlichsten aber findet Kobek, dass das Internet seine Nutzer im trügerischen Gefühl wiegt, sie könnten Kritik an den herrschenden Zuständen äußern. "Sie tippten auf von Sklaven zusammengebauten Geräten Lektionen in Sachen Moral für Plattformen der Meinungsäußerungen, die dem Patriarchat gehörten, und brachten dem Patriarchat damit Geld ein. Irgendwie sollte so das Patriarchat zerstört werden." Die Hoffnung, fügt er sarkastisch hinzu, sterbe zuletzt.