Meine Grundschule war zu Fuß in 15 Minuten zu erreichen. Auf dem Weg habe ich zwei Schulfreunde abgeholt, erst Frank, dann Jürgen. Das war jeden Tag das gleiche Ritual. Ich hatte Puppen, fand aber das Toben mit Jungs genauso normal. Auf dem Schulhof haben Jungen und Mädchen Fangen und Festhalten gespielt. Das Gerangel war noch auf Augenhöhe, im Grundschulalter sind die Jungen nicht unbedingt körperlich stärker. Wenn wir Mädchen unter uns gespielt haben, dann Gummitwist.

Die Schule war spätestens um 13 Uhr zu Ende, danach gab es zu Hause Mittagessen. Anschließend war frei. Ich habe mit Freunden auf dem Hof gespielt oder die Zeit in der Autowerkstatt meines Vaters verbracht. Meine Mutter arbeitete dort Vollzeit mit. Dass eine Frau nicht berufstätig ist, hätte ich mir nicht vorstellen können. Und durch die Kfz-Werkstatt war da ständig Kontakt mit Autos und Technik. Ich half beim Motor-Ausbauen und Reparieren. Ich war so interessiert an allem, dass mein Spitzname auf dem Hof "der kleine Robert" war – mein Vater hieß Robert.

Beim 18-Uhr-Läuten mussten wir nach Hause kommen, niemand hat zwischendurch kontrolliert, wo wir waren. Diese Freiheit würde ich Kindern heute wünschen.

Ganz am Anfang fand ich Mädchen doof. Ihr Verhalten war mir suspekt, Gummitwist spielen fand ich seltsam. Ich war als kleines Kind eher so ein Waldschrat. Ich habe mit meinen Freunden Steine gesammelt und die Mädchen mit Spinnen und Regenwürmern erschreckt. Als ich in die Grundschule kam, hat mich der Wald dann gar nicht mehr interessiert. Da wurden die Mädchen zu meinen Spiel- und Schminkgefährtinnen.

Mit sieben hat das angefangen, dass ich mich wahnsinnig gerne verkleidet habe, am liebsten mit Klamotten und Schuhen aus Mamis Schrank. Ich habe geliebt, was geglitzert hat, die alten Abendkleider meiner Oma zum Beispiel. Damals hat sich meine Familie noch nichts dabei gedacht und ich mir auch nicht.

Mein Berufswunsch war, zum Zirkus zu gehen. Ich habe zu Hause immer eine Manege aufgebaut und bin vor meiner Familie aufgetreten. Allerdings hielt sich mein Unterhaltungswert damals in Grenzen. Meine Eltern waren sehr gelangweilt, weil sie ständig in Ollis Zirkus mussten. Da bin ich entweder verkleidet herumgehüpft oder habe versucht, mit unseren Hunden, einem Terrier und einem Pudel, eine Tierdressur aufzuführen. Allerdings waren die Hunde davon auch nicht besonders begeistert.

Ich habe schon immer gerne im Mittelpunkt gestanden, wollte den Clown spielen, Zaubershows machen und möglichst irgendwie bunt sein, obwohl ich als Junge natürlich noch keine Travestieshow gesehen hatte. Interessant, dass ich genau das verwirklicht habe.

Fußball war mein großes Thema. Bis ich 15 war, mich endgültig für den Film entschied und keine Zeit mehr dafür hatte. Ich habe auf der Straße im Kreisel der Siedlung gespielt, irgendwann in der Bambinijugend beim VFL Sürth, erst als Torwart, dann links außen. Die Fußballschuhe mussten cool sein, klassisch, nicht gelb oder pink. In der Grundschulzeit war ich dreimal die Woche beim Training, und an den Wochenenden sind wir zu Turnieren gefahren. Das war so aufregend wie jede Woche Klassenfahrt. Fußball war echt wichtig für mich, auch wenn das nicht immer leicht war. Ich hatte als Kind schulterlange Haare, blond und glatt. Haareschneiden mochte ich nicht. Ich war auch sehr klein, und wenn ich auf dem Platz stand, haben die gegnerischen Spieler immer gesagt: "Guck mal, das Mädchen da." Das hat mich so gewurmt. Meine Wut hat mich angespornt, es denen zu zeigen, sie auszudribbeln und Tore zu schießen, damit sie Respekt vor mir haben und sehen, dass ich ein Junge bin.