In Island haben sie es geschafft, den gefährlichsten Stoff der Welt in Stein zu verwandeln. Er liegt in einer mit Folie ausgekleideten Holzkiste in einer Lagerhalle am Stadtrand von Reykjavík. Länglich ist er, der Stein, dunkel, nicht besonders groß. Ein wenig erinnert er an einen Faustkeil, an das erste Werkzeug des Menschen. Ein Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit.

In Wahrheit ist er eine Botschaft aus der Zukunft.

Man kann den Stein in die Hand nehmen, kann mit den Fingern sanft über seine glatte Oberfläche streichen, kann sein Gewicht prüfen, die Temperatur fühlen, er ist schwer, aber nicht schwerer als andere Steine, kalt, aber nicht kälter als andere Steine. Der Unterschied spielt sich im Kopf des Betrachters ab.

Die Isländerin, die die Tür zur Lagerhalle aufgeschlossen hat, lächelt den Stein an. "Irgendwo da drin ist es", sagt sie.

Das Kohlendioxid.

Die Verbindung eines Kohlenstoffatoms mit zwei Sauerstoffatomen, auch CO₂ genannt, ist ein Grundstoff des Lebens. Der Mensch und alle Tiere atmen es aus, Pflanzen atmen es ein. Es wäre ein stabiler Kreislauf, hätte der Mensch es beim Atmen belassen und nicht angefangen, Öl, Gas und Kohle zu verbrennen. So erzeugt er mehr, viel mehr CO₂, als alle Pflanzen der Welt einatmen können. Die überschüssigen Moleküle reichern sich in der Atmosphäre an, sie legen sich wie eine dicke Decke um die Welt. Eine Decke, die verhindert, dass Wärme ins All entweicht. Weshalb nun Polkappen schmelzen und Meeresspiegel steigen, immer häufiger Wirbelstürme über die Erde fegen und Hitzewellen das Wasser aus den Äckern ziehen.



Arsen ist giftiger, Fluor-Antimonsäure ätzender, Nitroglycerin explosiver. Aber wohl keine Substanz wird das Leben des Menschen in den kommenden Jahrzehnten so sehr verändern wie das Kohlendioxid.

Es sei denn, es wird rechtzeitig zu Stein.

Eine halbe Stunde Fahrt von der Lagerhalle in Reykjavík entfernt endet ein einsamer Highway in einer windumtosten Ende-der-Welt-Landschaft. Ein Lavafeld, baumlos und schwarz, überzogen mit dünnem Moos und gelbem Gras, eingehüllt in Schwefeldämpfe. Die Erde brummt, die Erde stinkt, durch den Rauch erkennt man die Gebäude eines Kraftwerks. Das Unternehmen Orkuveita Reykjavíkur, übersetzt: Reykjavík-Energie, holt hier Wasserdampf aus dem Boden. Der Wasserdampf lässt sich in Strom und Wärme für die Isländer verwandeln, das ist gut. Aber mit dem Dampf kommt auch CO₂ aus der Tiefe der Erde nach oben, das ist schlecht.

Das Gute ist ohne das Schlechte nicht zu haben, so schien es bis vor Kurzem. Dann kamen Wissenschaftler hierher, aus Frankreich und Amerika und von der Universität in Reykjavík. Sie ließen sich die Anlage zeigen, entwarfen Pläne, diskutierten über Pipelines und Bohrtiefen, über diesen unerhörten Plan, der womöglich die Welt retten kann, zumindest ein kleines bisschen, und der in einem ersten Schritt schlicht darin besteht, das frei werdende Kohlendioxid mit Wasser zu mischen.

Heute kann man auf dem Lavafeld eine Art Metallzelt betreten, etwas abgelegen von den Hallen des Kraftwerks trotzt es den Kräften der Natur, wie eine Schutzstation auf dem Mond. Drinnen sieht man stählerne Pumpen und gläserne Rohre, durch die das klare, saure Gemisch aus CO₂ und Wasser in den porös-schwarzen Steinboden strömt.

Was dort unten, in anderthalb Kilometern Tiefe, geschieht, lässt sich nicht besichtigen, nur beschreiben. Das Gemisch sammelt sich in unzähligen kleinen Hohlräumen und löst Mineralien aus dem Gestein, die sich mit dem Kohlendioxid verbinden, es verfestigen und verwandeln. In Kalkstein. Der Beweis, in Probebohrungen aus dem Boden geholt, liegt hundertfach in der Lagerhalle in Reykjavík. Vor allem aber liegt er dort unten, in den Eingeweiden der Erde.

So haben es die Isländer fertiggebracht, das größte Problem der Menschheit dort zu verstauen, wo es niemanden stört, jedenfalls einen kleinen Teil davon.

Eigentlich ganz einfach.

Klimawandel - Sechs Kontinente und ihre Klimaschäden Mehr Trockenheit, mehr Überschwemmungen, mehr Waldbrände: Welcher Kontinent muss eigentlich mit welchen Klimaschäden rechnen? Unser Video gibt den Überblick.