Dieser Mann möchte fliegen können, bloß für ein paar Sekunden, aber bis zur Decke des Raums sollte es ihn schon tragen. Dorthin hat er nämlich einen Ton geschickt, das heißt, er hat ganz vorsichtig eine Saite seines Instruments angezupft – schon entwickelt sich der Ton wie zu einer Seifenblase, einem Ballon, der himmelwärts schwebt und strebt und noch viel weiter. Er durchquert den ganzen Raum, breitet sich aus, besitzt Fülle und Kontur und einen herrlichen Bauch. Das hat der Mann lange nicht erlebt. Er spielt Kontrabass bei den Bochumer Symphonikern, und wenn er in den vergangenen Jahrzehnten etwas nicht so gut gehört hat, dann das Ergebnis seiner Arbeit. Das Orchester musste nämlich in den unmöglichsten Räumen proben und auftreten. Im Schauspielhaus. Im Audimax der Ruhr-Universität. In der Jahrhunderthalle. In Kirchen und Turnhallen. Also an Orten, in denen Schall geschluckt oder erstickt, vernebelt oder verzerrt wird, aber nie veredelt.

Jetzt steht der Bassist auf der Bühne des neuen Bochumer Konzertsaals und hat das Gefühl einer Erweckung. Den übrigen Orchestermitgliedern geht es ähnlich. Die Geigen hören endlich die Oboen, und die Trompeten können auf die Bratschen reagieren. Der Raum ist zwar nicht so groß wie die benachbarten Philharmonien in Essen oder Köln, aber er hat das, was man natürlichen Atem und Resonanz nennt. 960 Zuhörer finden hier Platz, und von jedem Sitz aus fühlt man sich dem Podium so nahe, als säße man inmitten der Musiker.

Auf diesen Moment musste Bochum so lange warten, dass es zwischenzeitlich schien, als wäre das Projekt eines neuen Konzertsaals nicht nur gefährdet, sondern zum Scheitern verurteilt. Jahrelang hatte das Ganze nur als Traum existiert, 2008 wurde dieser dann konkreter, als sich eine Bürgerinitiative bildete und spontan 80.000 Euro sammelte. Dann steuerte der lokale Glücksspiel-König Norman Faber fünf Millionen Euro als Grundstock eines Neubaus bei – unter der scharfsinnigen Bedingung, dass in drei Monaten weitere zwei Millionen gesammelt werden müssten. Das schier Unmögliche wurde möglich gemacht.

Nur wo die Bochumer bauen sollten, wussten sie nicht. Es geisterten verschiedene Überlegungen durch die Stadt, bis sich – nach unzähligen kommunalen Finanzkrisen, verworfenen Skizzen, verschnupften Ratsparteien und abstrusen Eingaben des Bundes der Steuerzahler – eine geniale Idee aus dem Wust der Meinungen schälte: Bochum wollte seinen Konzertsaal als Erweiterungsbau der profanierten Marienkirche direkt in der Innenstadt errichten, also nicht an der Peripherie, wie heutzutage üblich, sondern im Zentrum. Der Turm der Kirche leuchtet aus der Ferne. Außerdem sollte es ein reiner Konzertsaal werden als Heimat des Orchesters, kein Multifunktionssaal, bei dem sich die Sessel abschrauben lassen, damit dort die Weihnachtsfeier der Philatelisten-Vereinigung Bochum-Riemke Platz finden kann.

Natürlich herrschten von Anfang an auch elementare Bedenken. Gibt es nicht schon genügend Philharmonien in der näheren Umgebung? Haben nicht Essen und Dortmund flammneue und große Säle gebaut, hat nicht Duisburg seine Mercatorhalle zum Konzerthaus umgebaut? Ist es nicht nur ein Katzensprung nach Düsseldorf oder Köln? Und sind die Musikfreunde der Stadt durch das Angebot in der Region – die Ruhrtriennale oder das Klavierfestival Ruhr – nicht schon wunschlos glücklich, sozusagen pappsatt?

Nein, sie waren und sind es nicht. In Bochum zeigt sich zudem ein Bürgersinn, der in Deutschland einmalig sein dürfte. Fern jeder Großmannssucht sammelten die Bochumer Geld und hatten als dicke Trümpfe nicht nur ihr Orchester im Ärmel, das einen ausgezeichneten Ruf im In- und Ausland genießt, sondern auch dessen Generalmusikdirektor Steven Sloane. Der vermutlich dienstälteste deutsche GMD dirigiert seit 22 Jahren in Bochum, sein Wort hat maximales Gewicht, denn er ist hier nicht aus Anhänglichkeit oder mangels besserer Aufgaben geblieben, sondern weil er einen lokalen Geist verspürt, der eine Kostbarkeit ist. Fremdveranstalter sollen den Saal nicht bespielen, er macht also keine Konkurrenz zu Essen oder Dortmund auf, sondern bleibt eine rein Bochumer Angelegenheit. Hier kann Sloane mit der Musikschule zusammenarbeiten, Crossover-Projekte verwirklichen und seine Ideen von Nachhaltigkeit umsetzen. Kein Wunder, dass er den Saal auch als sein Baby betrachtet und mindestens so gut kennt wie der Hausmeister.