Als er den Brief in die Post gab, wusste Tino Möller, dass er Max* so bald nicht wiedersehen würde. Anne würde es ihm möglichst schwer machen, jetzt, da er sich weigerte, weiter Unterhalt für den Jungen zu zahlen. Bislang hatte er das anstandslos getan – auch, als Anne ihn 2013 betrogen, 2014 verlassen und Max mitgenommen hatte. Aber bislang hatte Tino auch stets geglaubt, er sei der Vater des Jungen, den sie 2010 zur Welt gebracht hatte. Das hatte sie ihm versichert, und darauf hatte sie auch noch bestanden, als Tino sie nach der Trennung mit Gerüchten konfrontierte, die ihm gemeinsame Bekannte zugetragen hatten. Seit einem DNA-Test im Februar 2016 steht das Gegenteil zwar fest, doch den Namen von Max’ tatsächlichem Vater behielt Anne weiterhin für sich – wenn sie ihn Tino verriete, würde der schließlich versuchen, sich dort zurückzuholen, was er sechs Jahre lang gezahlt hatte.

Das Recht hat Anne auf ihrer Seite: Ein Jahr zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht geurteilt, sogenannte Kuckucksväter hätten mangels klarer Regelung im Gesetz keinen Anspruch darauf, die Identität des wahren Erzeugers von der Mutter zu erfahren – schließlich sei deren Partnerwahl bei Seitensprüngen als Teil ihrer Intimsphäre geschützt. Dem stehe "allein" das finanzielle Interesse von Männern wie Tino gegenüber, die den bisher gezahlten Unterhalt gern vom biologischen Vater ersetzt hätten, was sie von Rechts wegen zwar dürfen, ohne Kenntnis seiner Identität jedoch nicht können. Die Entscheidung wurde vielfach kritisiert, zumal sie unerwähnt ließ, dass es in derartigen Fällen auch der Mutter oft ums Geld geht. Dass sie eine Affäre hatte, steht schließlich ohnehin fest, und die Weigerung, den Namen zu nennen, mag weniger mit ihrem Privatheitsbedürfnis zu tun haben als mit dem Schutz der Finanzen des biologischen Vaters, der für sie aufkommen muss, wenn der Kuckucksvater den Schwindel durchschaut und seine Zahlungen eingestellt hat.

Doch wer das Urteil für zynisch hält, hat die Reaktion des Gesetzgebers noch nicht gesehen. Der Regierungsentwurf, der noch in diesem Jahr den Bundestag passieren soll, wirkt auf den ersten Blick zwar wie ein Rettungsakt für Scheinväter, denn er führt die Auskunftspflicht der Mutter offiziell ein. Doch den Unterhaltsregressanspruch, zu dessen Durchsetzung der Auskunftsanspruch gerade dient, entwertet er im selben Atemzug so weit, dass man gleich auf beides hätte verzichten können. Künftig soll der Regressanspruch nur noch für die letzten beiden Jahre gelten, bevor der Scheinvater seine Vaterschaft anficht. Tino könnte also zurückfordern, was er ab März 2014 gezahlt hat – auf den Kosten aus den vier Jahren davor bliebe er sitzen. Wer seine Scheinvaterschaft erst so spät entdeckt, dass in den beiden vorangegangenen Jahren gar kein Kindesunterhalt fällig wurde (weil das Kind etwa erwachsen und erwerbstätig ist), geht vollends leer aus.

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Bis zum Offenbarwerden der wahren Verhältnisse habe es sich "aus Sicht des Scheinvaters" schließlich "um ein gewöhnliches Familienleben gehandelt", heißt es in der Gesetzesbegründung. "Für die Betroffenen klingt das wie Hohn, nach dem Motto: Du wurdest zwar verarscht – aber so gründlich, dass du erst mal alles geglaubt hast", sagt dazu Ludger Pütz, der 2011 ein Portal für Kuckucksväter gründete, nachdem er entdeckt hatte, dass er selbst einer war. Die Begründung des Entwurfs sei oft schon im Ansatz unzutreffend, weil nicht einmal die Illusion eines heilen Familienlebens bestanden habe. Schließlich kommt es häufig vor, dass die Mutter sich kurz nach der Geburt vom Scheinvater trennt, das alleinige Sorgerecht erhält und eine neue Beziehung eingeht – das Familienleben des Scheinvaters erschöpft sich dann in monatlichen Überweisungen an seine Ex und gelegentlichem Umgang mit dem Kuckuckskind. Aber auch ein zunächst scheinbar intaktes Miteinander lässt Pütz als Ausgleich nicht genügen: "Wenn die Scheinväter die Wahrheit irgendwann herausfinden, führt das bei ihnen natürlich zu einer Neubewertung der Vergangenheit", berichtet er. "Viele Männer, mit denen ich spreche, sind depressiv oder sogar suizidal, weil vermeintliche grundlegende Gewissheiten ihres Lebens auf einer Lüge errichtet waren."

Daran kann freilich auch der großzügigste Regressanspruch nichts ändern. Umso dringlicher müsste der Staat dafür sorgen, dass Kuckucksfamilien gar nicht erst entstehen, findet Pütz, der eine bestechend simple Lösung anbietet: einen obligatorischen Vaterschaftstest, für jedermann und gleich bei der Geburt. Das würde den Beteiligten die emotionalen Spätfolgen ersparen, dem Staat die justiziellen und den Kindern die gesundheitlichen, weil etwa Erbkrankheiten, Blut- oder Organspendemöglichkeiten des biologischen Vaters frühzeitig berücksichtigt werden könnten. Außerdem könnte therapeutisches Personal die unfrohe Botschaft überbringen, beiden Seiten beratend zur Seite stehen und so vielleicht zum Überleben der Beziehung beitragen, wenigstens aber zu ihrer zivilen Auflösung. Eigentlich keine üble Idee also, trotz ihrer Bedeutungslosigkeit in den Parteiprogrammen. Woher die rührt, kann man sich denken: Jedem Politiker, der frischgebackene Mütter unter den Generalverdacht der Untreue stellen wollte, wäre der lebenslange Ehrenplatz im Sexismus-Purgatorium sicher. "Der Vorschlag ist aber auch unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten abwegig", sagt Familienrechtlerin Kerstin Aust, die über Kuckuckskinder promoviert hat. Denn ein Vaterschaftstest bei einem seriösen, gerichtlich anerkannten Institut kostet derzeit etwa 500 Euro, nach konservativen Schätzungen sind aber "nur" etwa ein Prozent aller Geburten Kuckuckskinder. Auf Grundlage der Geburtenrate aus 2015 (783.000) ergäben sich somit Kosten von rund 390 Millionen Euro jährlich – um in 99 Prozent der Fälle zu erfahren, was man sowieso schon wusste: Das da ist der Papa. Zu den finanziellen Bedenken mischen sich zudem auch ideelle: Hat es den Staat denn etwas anzugehen, wer wann wen geschwängert hat? Und haben nicht auch die Männer, die schon nach heutiger Rechtslage einen Test verlangen können, ein Recht darauf, bestimmte Fragen lieber unergründet zu lassen? Andererseits: Verzichten Kuckucksväter wirklich deshalb auf die Einholung von DNA-Gutachten? Oder nicht vielmehr aus Blauäugigkeit oder aus der Hemmung heraus, die Partnerin mit einem ungewissen und wenig schmeichelhaften Verdacht zu konfrontieren?

Dafür jedenfalls gäbe es weniger einschneidende Lösungen. Eine besteht in der Abschaffung des haarsträubenden Verbots heimlicher DNA-Tests, das durch nichts gerechtfertigt ist als durch eine typisch deutsche, fast mythische Liebe zum Datenschutz und zum Allgemeinen Persönlichkeitsrecht. Besonders absurd ist es deshalb, weil die Mütter der Bitte nach einer DNA-Untersuchung ohnehin entsprechen müssen – notfalls werden sie vom Gericht dazu gezwungen. Dass der Vater dennoch ihre Zustimmung einholen muss, hat einzig den Effekt, dass der Haussegen unabhängig vom Testergebnis schief hängt.

Naturgemäß scheuen viele Männer eine solche Aussprache – besonders dann, wenn die Beziehung zur Partnerin im Übrigen intakt zu sein scheint und sie sich ohnehin eine gemeinsame Familie wünschen. Andere hätten auf Nachwuchs zwar verzichten können, wollen nun, da er kommt, aber nicht als Rabenvater dastehen, der sich aus "seiner" Verantwortung zu stehlen sucht. Dritte hingegen schäumen so vor Vaterfreude, dass sie zu keinem Zweifel fähig sind, selbst wenn er sich eigentlich aufdrängen müsste.