Als Lew Gudkow zum ausländischen Agenten wird, bekommt er davon nichts mit. Niemand aus dem Justizministerium hat ihn über die Entscheidung informiert. Nun aber klingelt unaufhörlich sein Handy, Journalisten rufen ihn an, und als Gudkow irgendwann abnimmt, als sie ihm erzählen, was passiert ist, fühlt er sich erniedrigt und angeekelt.

Das russische Justizministerium hat das Meinungsforschungsinstitut, das der Soziologe Gudkow in Moskau leitet, zum "ausländischen Agenten" erklärt. Eine Diffamierung nach alter sowjetischer Tradition: Agent, das ist der Feind. Der Saboteur.

Lew Gudkow tut erst mal nichts. Er ist kein impulsiver Mensch, seine Stimme klingt beharrlich und doch ruhig, seine Sätze sind präzise, nie flatternd. Selbst die Emotionen, die er zeigt, die Empörung und Wut, wirken kontrolliert.

Offiziell sagt er, seine Kollegen und er würden sich um die Entscheidung des Justizministeriums nicht scheren. Tatsächlich aber ist Gudkow tief getroffen.

Dass es irgendwann einmal so weit kommen könnte, ahnte er schon länger. Sein Institut, das Lewada-Zentrum, ist das letzte unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland. Die Soziologen des Zentrums arbeiten auch mit ausländischen Partnern zusammen: mit dem Gallup-Institut, der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit oder der Columbia University. Etwa 40 Prozent der Aufträge kommen aus dem Ausland – von Zeitungen und Fernsehsendern, Universitäten und Firmen.

Es sei kein Angriff auf ihn selbst, sagt Gudkow, sondern auf die Zivilgesellschaft

Schon vor zwei Jahren hatten Gudkow und seine Kollegen darüber gestritten, ob sie die Zusammenarbeit mit Auftraggebern aus dem Ausland aufgeben sollten. Aber ein soziologisches Zentrum, das auf den Austausch mit ausländischen Institutionen verzichtet, das sich ängstlich verkapselt – das lehnte Gudkow am Ende kategorisch ab.

Dass das Lewada-Zentrum nun zum Agenten erklärt wurde, sei nicht nur ein Angriff auf ihn selbst und seine gut 60 Kollegen, sagt Gudkow. Sondern ein Angriff auf die russische Zivilgesellschaft.

Fragt man Lew Gudkow, wo man ihn finden kann, antwortet er: zwischen der Lubjanka und dem Kreml. Die Lubjanka ist das Geheimdienstgebäude. Hier wurden zu Sowjetzeiten Hunderttausende verhört und gefoltert, noch heute arbeitet hier der Inlandsgeheimdienst. Das Gebäude steht zwischen einem glitzernden Kaufhaus für Kinder und einem unauffälligen Stein, der an die Opfer der Stalin-Repressionen erinnert. 250 Schritte sind es von hier bis zum Lewada-Zentrum. Die Kremlmauern liegen 450 Schritte vom Lewada-Zentrum entfernt. Hier sitzt seit der Jahrtausendwende Wladimir Putin. Der Kreml ist der Ort der Macht, die Lubjanka ist der Ort der Angst, und das fast 70-jährige Leben des Lew Gudkow liegt aufgespannt zwischen diesen beiden Polen.