In seinem "Sendbrief vom Dolmetschen", verfasst im September 1530, zeigte Martin Luther seinem Gegenspieler Johannes Eck, wo der Übersetzungshammer hängt: "Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen …"

Dieses hochmoderne philologische Leitprinzip bedenkt immerhin schon, dass sich die Sprache fortentwickelt. Zugleich birgt das die Gefahr, dass eine gefallsüchtige Anpassung an modische Zeitgeist-Jargons die Werktreue vernachlässigt. In diesem Zwiespalt befinden sich sämtliche protestantischen Bibelübersetzungen seit 1534, seit die erste vollständige Lutherbibel in den Druck ging. Auch die gerade erschienene revidierte Fassung 2017 mit einer Gesamtauflage von rund 250.000 Exemplaren, die auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde und am Reformationstag in Eisenach feierlich eingeführt wird, muss sich an der Frage messen lassen: Wie weit darf man sich vom Meister wegbewegen? Und wer bemisst, wann das "weit" ein "zu weit" ist?

Dieses Dilemma musste Martin Luther selbst bereits aushalten. Es gehört gewissermaßen zum protestantischen Kulturerbe. Denn der Reformator war alles andere als ein Anything-goes-Typ. Ganz im Gegenteil: Er war ein sehr strenger Hermeneutiker. Sein ganzes Leben hindurch hat er viel Mühe darauf verwandt, biblische Texte zu reflektieren; mit Traktaten in Vorlesungen und Predigten hat er zudem hochaktuelle Theoreme der Textauslegung geliefert. Seine Komplettübertragung des Alten und Neuen Testaments dauerte fünf Jahre, Luther kannte große Teile der Bibel auswendig. Der Reformator studierte Hebräisch mit Johann Reuchlins Grammatik "De rudimentis hebraicis". Er vertiefte sein Studium bei seinem Klosterbruder Johann Lang, der später eine eigene Matthäus-Übersetzung vorlegte, und beim großen Universalgelehrten Philipp Melanchthon. Dass Luther allerdings als Vorlage die römischen kanonisierten Schriften beider Testamente benutzte und sich beim Alten Testament daher auch nicht an die Anordnung des hebräischen Grundtextes hielt, zeigt, dass er mit der Übersetzung auch neue programmatische Akzente setzen wollte, die das Althergebrachte infrage stellten.

Hätte Luther nicht so eine große Leidenschaft für die Sprachwissenschaft entwickelt, hätte sich also die deutsche Philologie nicht an der Theologie und die Theologie nicht an der Philologie geschult, hätte sein Werk diese Wirkmächtigkeit wohl nicht erreicht. So stand am Anfang manches unerbittlichen Theologiedisputes zwischen Altgläubigen und Reformierten zunächst eine philologische Auseinandersetzung. Frühere Übersetzungsversuche der Bibel, wie zum Beispiel die der "Wormser Propheten" (1527), den Täufern Ludwig Hätzer und Hans Denck, lehnte Luther ab, weil sie in Semantik und Syntax zu sehr an der Vulgata orientiert waren. Luther suchte jeweils nach dem treffendsten deutschen Begriff und hielt sich dabei oft nicht an die Bedeutung des Urtextes. Doch immer wusste er genau, wo und wann er wie abwich. Dabei ging der Übersetzer zuweilen sehr listig vor. So führte ein eingefügtes "allein" im Römerbrief zu einer subtilen Akzentverschiebung im Gottesbild und damit zur Abgrenzung von den Katholiken. Mit diesem Ausschließlichkeitswort untermauerte er geschickt seine Rechtfertigungslehre.

Immer wieder unterzog Luther seine eigene Übersetzung Revisionen: 1531, 1539 bis 1541, erneut 1544 bis 1545. Die Durchsicht von 1546 schließlich gilt als die Ausgabe letzter Hand, die der Reformator noch selbst besorgte. Bei seinen Überprüfungen zog er stets einen Stab von Experten hinzu, allen voran Philipp Melanchthon. Wittenberg wurde zur Hauptstadt der Bibel-Hermeneutik, und da Luther ein ziemlicher Kontrollfreak war, versuchte er zu verhindern, dass auswärtige Druckereien, etwa in Leipzig oder in Frankfurt am Main, ebenfalls Lutherbibeln druckten. Er hätte Abweichungen nicht verhindern können. So soll Luther auch streng über die Ausstattung seiner Übersetzungen gewacht und Illustrationen genau festgelegt haben, glaubt man den Lutherforschern Volker Leppin und Gury Schneider-Ludorff.

Erst 1581, nach Luthers Tod, erschien, fürstlich verfügt und abgesichert, die sogenannte Luthersche Normalbibel. Erst 300 Jahre später gab es eine neue Ausgabe von 1898, danach folgte schnell darauf 1912 die wohl martialischste aller Revisionen, die die waffenklirrende Stimmung am Vorabend des Ersten Weltkrieges widerspiegelt. So als wären Jesus am Jordan und die Wacht am Rhein ein und dasselbe. Die nächste nennenswerte Generalüberholung der Lutherbibel fand 1984 statt.

In den letzten 30 Jahren gab es überdies wildwuchernde Übersetzungen, zeitgemäß und szenenorientiert. 2009 gab der Hamburger "Jesus-Freak" Martin Dreyer die "Volx-Bibel" heraus, in einem schnoddrigen, lapidar-prosaischen Ton, der ungefähr so weit vom Original entfernt war wie die geistlichen Lieder Paul Gerhardts von den Songs eines Udo Lindenberg.