Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Was für ein zärtlicher Vater. Vor der Billardkneipe, die eine Raucherkneipe ist, sitzt Anton beim Hefeweizen, singt ein Schlaflied und schuckelt den Kinderwagen, seine junge Frau sitzt etwas verlegen dabei. Ein paar Männer umstehen ihn in täppischer Huldigung für Frau und Kind. So hält Anton den Anschluss an seine Kneipenfamilie, ohne seine neue Familie damit aufs Spiel zu setzen. Ein Spagat. Es ist frisch hier draußen, doch Anton ist guter Dinge. Am Kneipenklavier ist er in Jahren öffentlichen Übens zum Alleinunterhalter avanciert, der mit seinen Auftritten inzwischen eine Familie ernähren kann. Er spielt nicht mehr an unserem Klimperkasten, aber er hält uns Männern die Treue. Nun wird es ihm doch zu frisch hier draußen, und er schiebt mit Frau und Kinderwagen weiter.

Drinnen im Rauch gibt es spöttische Bemerkungen über seine Männlichkeit. In der Kneipe gibt es keine Frauen und Kinder, da spielen die Männer Billard oder Darts und sehen auf dem Großbildschirm zu, wie Dortmund gewinnt. Einer hüpft sogar im gelb-schwarzen Dress herum. Höchst lächerlich das. Aber nicht hier. Vorn drischt einer auf die Daddelkiste ein, die ihm hartnäckig den Gewinn verweigert. Gläser werden hart aufgesetzt, wenn sie leer sind, es scheppert, wenn die Klotür ins Schloss fliegt. Hinten springt eine Billardkugel vom Tisch und kollert zwischen die Männerbeine.

Höchst lächerlich, aber so geht es halt zu unter Männern, da ist immer zu viel Testosteron im Spiel. Verfluchtes Sekret. Wehe, sie tauschen den Queue gegen die Kalaschnikow. Wohin mit dem Testosteron, wenn es nicht mehr gebraucht werden darf, um Kriege zu führen? Ein Hormon, das uns zu siegen gebietet, wo wir nur noch verlieren können. Das uns zu siegen befiehlt an allen Fronten des Lebens auch im Frieden, auf Kosten auch der eigenen Menschlichkeit. Wohin mit dem Testosteron in postheroischen Zeiten?

Das innere Sekret, das Herrchen so herrlich macht, so charmant gefährlich. Wie sollen sie sich je in den Griff bekommen, gedopt von Endorphinen? (Ich spiele den Beobachter und gehöre dazu.) Immerhin ist das Dortmund-Spiel so gut anzuschauen wie das Spiel mit Kugeln und Pfeilen: ihr Instinkt, ihre Zartheit und Verve, ihr präzises Kalkül vor dem Stoß, ihr jungenhafter Leichtsinn … Ach, Männer. Frauen können so barmherzig sein wie der Heiland der Christen, aber es kostet sie nicht diese Selbstüberwindung: ihr Erobern- und Siegenwollen, ihre latente Gewaltbereitschaft in etwas ganz anderes zu verwandeln. Es gibt wenige Beispiele, wo das einem Mann auf Dauer gelingt. Ohne dass er aufhört, ein Mann zu sein. Anton versucht es gerade. Deshalb ist dieses Beispiel so gut. Deshalb ist es gut, dass Jesus ein Mann war.