Sie lachen, als der Kommandant um Punkt elf Uhr abends brüllt: "Licht aus!" Wie in einem Ferienlager. Eine Zigarette, ein Tee, eine Runde Domino gehen noch. Dann räumen die einen Nussschalen, stinkende Socken und Kalaschnikows beiseite, die anderen rollen Decken aus. Fünf Stunden Schlaf bleiben den Peschmerga von der Einheit "Halgurd", dann sollen sie eine der nächsten Etappen in der Offensive auf Mossul anführen. "Morgen befreien wir Baschika", sagt Jadi, ein 23-jähriger spindeldürrer Kerl, der aussieht wie 17. "Ihr kommt doch mit uns mit?"

Wir, der Fotograf Jacob Russell und ich, haben unser Nachtquartier bei der Einheit aufgeschlagen, sie den ganzen Tag bei ihren Vorbereitungen begleitet, und als wir das Angebot, auf Stellungen des IS zu marschieren, dankend ablehnen, ist Jadi ehrlich enttäuscht. "Aber das ist doch eure Aufgabe als Journalisten!"

Es ist die erste Woche der Offensive auf Mossul, und dies ist die Front. Der "Islamische Staat" (IS) hatte die zweitgrößte Stadt des Iraks im Sommer 2014 wie im Handstreich erobert und dort sein "Kalifat" ausgerufen, das sich bald über weite Teile des westlichen Iraks und des östlichen Syriens erstreckte. Eine von den USA mühsam aufgerichtete irakische Armee, unterstützt von kurdischen Peschmerga, schiitischen und iranisch finanzierten Milizen und den Kampfflugzeugen der internationalen Anti-IS-Koalition, trotzt der Terrormiliz seit Monaten wieder Dorf um Dorf, Stadt um Stadt ab. Die Befreiung Mossuls soll nun das Ende der Dschihadisten im Irak besiegeln. Womöglich, so fürchten manche, leitet sie auch das Ende des Landes ein.

Doch man muss zunächst Abstand von der Front nehmen, um die Bedeutung dieser Stadt zu verstehen. 80 Kilometer, um genau zu sein. In Erbil, der Hauptstadt der autonomen kurdischen Region im Nordirak, sind Tausende jener Flüchtlinge gelandet, für die aus Sicht des IS nur Platz im Massengrab ist: assyrische und chaldäische Christen, Jesiden, Schiiten. Am Fernseher, über Facebook, WhatsApp oder SMS verfolgen sie die Nachrichten von der Front, manche sitzen auf gepackten Koffern in der Hoffnung, schon in wenigen Tagen in ihre befreiten Dörfer zurückkehren zu können. "Das wird dauern", sagt Maysoon al-Bajati.

Wir haben sie einen Tag vor unserem Frontbesuch in einem Flüchtlingslager getroffen, eine rundliche, forsche Frau, 52 Jahre alt, mit Hidschab, dickem Notizbuch und zwei Handys. Sie sucht hier keine Hilfe, sondern bietet sie an. "Odessa Organization for Women Development" steht auf ihrer Visitenkarte.

Odessa?

"Diese griechische Geschichte von Homer", sagt sie. "Kennst du die etwa nicht?"

Sturm auf den IS

© ZEIT-Grafik

Ein Schreibfehler. "Odyssee" ist gemeint. Das passt auf ihr Leben und das so vieler ihrer Landsleute. Al-Bajati kommt aus Mossul, sie hält weiterhin Kontakt in die Stadt, doch über ihre Quellen darf nichts geschrieben werden. Wer in Mossul mit der Außenwelt kommuniziert, riskiert sein Leben. Die Vorräte würden knapper, hat Al-Bajati erfahren, die Massaker an Deserteuren und Dissidenten zahlreicher. Die Dschihadisten hätten Frachtcontainer auf die Straßen gehievt, womöglich mit Sprengstoff gefüllt. Sie war euphorisch gewesen über den Beginn der Offensive, jetzt hat Al-Bajati nur noch Angst vor dem Preis der Befreiung. "Ich wünschte, du könntest Mossul sehen", sagt sie. "Es ist die schönste Stadt im Irak."

"Perle des Nordens" hieß Mossul einmal. Oder "Stadt der Propheten". Früher hatte sie drei, jetzt wahrscheinlich noch über eine Million Einwohner. Eine fantastische Altstadt mit archäologischen Schätzen und zahlreichen Schreinen muslimischer Propheten und biblischer Heiliger. Melting pot und immer wieder auch Kampffeld zwischen den irakischen Ethnien und Konfessionen. Sunnitische Araber bildeten die Mehrheit, aber sie teilten sich die Stadt mit Kurden, Turkmenen, Armeniern, Jesiden, assyrischen Christen, Schiiten.