Kernschmelze statt Verschmelzung – Seite 1

Der Papst hält mit einem lutherischen Bischof zusammen Gottesdienst, um der weltumstürzenden Ereignisse zu gedenken, die man heute "Reformation" nennt. Der Satz wirkt so harmlos, harmonisch und unverdächtig. Dabei beschreibt er einen unerhörten Vorgang. Das Gedenken im schwedischen Lund findet statt am 31. Oktober, dem Jahrestag des vermeintlichen Thesenanschlags von Martin Luther 1517. Mit seiner Anwesenheit veredelt der Papst die Tat eines Erzfeindes des Papsttums. Einen größeren Ritterschlag könnte es für Martin Luther nicht geben.

Und die Lutheraner selbst empfangen genau die Instanz, die sie vor 500 Jahren als leibhaftigen Antichrist geschmäht haben. Dabei galt römische Autorität ihnen lange als Joch; es abgeworfen zu haben verstehen Protestanten eigentlich als historischen Sieg. Doch jetzt laden sie ihren einstigen Unterdrücker sogar ein – und er sagt zu. Mit dem Besuch gesteht der Papst die Fehler seiner Vorgänger ein. Die Protestanten sind damit aus katholischer Sicht kein Irrweg der Geschichte mehr. Der ganze Lund-Fall ist eigentlich ein aberwitziges Szenario, das so noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre. Es ist nicht übertrieben, Lund als Höhepunkt der Ökumene seit Existenz der Ökumene zu bezeichnen.

Was fehlt nun noch zum ultimativen Versöhnungshöhepunkt, zur Verschmelzung? Strebt nicht alles darauf zu? Die Erwartungen an den Besuch sind hoch. Die größten westlichen Kirchen scheinen einer Wiedervereinigung näher denn je zu sein. Doch wie wäre es, wenn der Traum Wirklichkeit würde? Was müsste passieren? Und was geschähe nach der Stunde null?

Dem Papst ist alles zuzutrauen. Deshalb an dieser Stelle ein Gedankenexperiment: Franziskus könnte die Sache in Lund zu Ende bringen. Es wäre so einfach. Er ließe sich von Bischof Munib Younan, dem Präsidenten des Lutherischen Weltbunds, der mit ihm den Gottesdienst leitet, eine Hostie nach evangelischem Ritus weihen. Dann verspeiste er diese Hostie. Das würde schon genügen. Sein großer Vorteil als absoluter Monarch: Er müsste niemanden fragen, er könnte das einfach machen. Er ist das Gesetz.

Franziskus müsste schlicht die Hand ausstrecken, der Bischof sagte dann "Der Leib Christi", Franziskus sagte "Amen" – und hinein damit. Dann klappten der Gemeinde die Unterkiefer nach unten, und der Papst-Entourage schwänden kollektiv die Sinne. Mit einem Bissen hätte Franziskus 500 Jahre theologischen Dissens heruntergeschluckt.

Protestanten und Katholiken haben sich in den letzten Jahrzehnten angenähert. So legten sie etwa ihre Differenzen in der Rechtfertigungslehre bei, die einst Luthers Stein des Anstoßes war. Der bedeutsamste Unterschied zwischen den beiden Konfessionen ist heute das Eucharistieverständnis. Die verschiedenen Auffassungen und der Anhang dieser Auffassungen verhindern eine Wiedervereinigung bis dato.

Noch nach dem Kirchenrecht von 1917 standen Katholiken sofort unter Häresieverdacht, wenn sie das evangelische Abendmahl empfingen. Gegenwärtig wird man nach dem Verzehr der "Interkommunion" zwar nicht gleich der Ketzerei verdächtigt. Aber laut Kirchenrecht kann man sich der "verbotenen Gottesdienstgemeinschaft" schuldig machen und muss mit einer "gerechten Strafe" rechnen.

Will der Papst also das ultimative Versöhnungszeichen setzen und diese ganzen Sanktions- und Disziplinierungsmaßnahmen hinter sich lassen, greift er in Lund einfach zu. Bekanntermaßen interessieren ihn kalte theologische Feinheiten nicht so – und die kälteste theologische Feinheit ist die unterschiedliche Auffassung über die Natur von Brot und Wein nach deren Konsekration im Gottesdienst.

Zerlegt haben sich die beiden Konfessionen über die Frage, ob Christus ganz, teilweise oder gar nicht in den geweihten Gegenständen anwesend ist. Die katholische Kirche vertritt die Lehre der Transsubstantiation. Sie besagt, dass Brot und Wein im Ganzen zu Jesus Christus werden, sobald der Priester sie weiht. Martin Luther optierte für eine bloß teilweise Umwandlung der Substanzen. Calvin und Zwingli sahen in der Eucharistie nur mehr eine symbolische Erinnerung an das letzte Mahl Jesu, ganz ohne Wandlung. Die Frage nach der Natur des Herrenmahls ist der neuralgische Punkt der ganzen Ökumene-Veranstaltung. Will Franziskus versöhnen, setzt er sich gut pastoral über das theologisch kaum lösbare Problem hinweg und greift zur protestantisch geweihten Hostie.

Die Vollendung der Ökumene würde die Ökumene zerstören

Um das Gedankenexperiment weiterzutreiben: Dieser franziskanische Verschmelzungsplan würde nur nach den Regeln des Quidproquo funktionieren. Das heißt, auch Bischof Younan müsste in Lund auf den Papst zugehen. Er könnte ein Zeichen setzen, das evangelischerseits ein weiteres Problem zwischen den Konfessionen lösen würde. Younan müsste dem Papst dafür beim gemeinsamen Ausmarsch aus der Kirche nur seinen Bischofsstab reichen. Mit der Übergabe würde er symbolisch den politischen und pastoralen Primat des Papstes anerkennen, die apostolische Sukzession gleich noch mit – alles heilige Kühe der Ökumene. Franziskus und Munib könnten so im Duett das Große Abendländische Schisma beerdigen, und die Sache würde kaum mehr als 30 Minuten dauern. Die Tür zur Einheit wäre nach dem 31. Oktober 2016 weit offen. Doch wer ginge hindurch?

Das Beben von Lund käme auf schnellstem Weg im Vatikan an. Die folgenschwere Szene dort kann man sich ausmalen: Papa emeritus Benedikt XVI. geht in den Vatikanischen Gärten spazieren, er ist in den Rosenkranz vertieft. Bei ihm ist sein Sekretär Georg Gänswein. Plötzlich bekommt Gänswein eine SMS. Er liest und ruft: "Er hat eine protestantische Hostie gegessen. Er hat sie weihen lassen – und gegessen!" Benedikt erschrickt, stößt den Rollator weg, fällt auf die Knie, bekreuzigt sich und schlägt die Hände vors Gesicht. Nach einigen Minuten löst sich Gänswein aus seiner Starre und hilft Benedikt XVI. beim Aufstehen. Benedikt murmelt: "Herr, vergib mir, was ich tun muss, um unsere heilige Kirche zu retten!" Jetzt bekreuzigt sich Gänswein. Benedikt sagt: "Schnell, in den Palast!" Dort angekommen, zieht sich der Emeritus in die Sixtinische Kapelle zurück. Unter Michelangelos Fresko plant er seinen Coup d’État. Er setzt ein Schreiben auf.

Darin erklärt er schweren Herzens und mit brennender Sorge, dass Franziskus durch Wort, Werk und Tat gesündigt habe, von der Lehre der Kirche abgefallen und so zum Häretiker geworden sei. Deshalb bleibe ihm, Benedikt, nichts anderes übrig, als sich zum rechtmäßig regierenden Papst zu erklären. Die weiteren Schritte und Sanktionsmaßnahmen gegen Franziskus solle ein zukünftiges Konzil bestimmen, das bald als Drittes Vatikanum in Rom tagen müsse. Benedikt gibt dem Schreiben den Namen "Exsurge Domine" und bezieht sich damit auf die ersten Worte der Bannandrohungsbulle gegen Martin Luther: "Erhebe dich, Herr, und richte deine Sache! Neige dein Ohr zu unserer Bitte, denn Füchse haben sich erhoben, die danach trachten, den Weinberg zu vernichten!"

In Sachen Transsubstantiationslehre dürfte Benedikt XVI. keinen Spaß verstehen. Wenn es zu einer franziskanischen Vereinigungsrevolution käme, käme es deshalb gleichzeitig zu einer benediktinischen Konfessionsrestauration. Dadurch würde Franziskus binnen kürzester Zeit vom Versöhner zum Spalter, zum Schismatiker seiner eigenen Kirche werden – und in Avignon könnte man schon mal den Gegenpapst-Palast fegen. Die katholische Autorität wäre gespalten; in einen progressiven und einen konservativen Flügel. Ab diesem Zeitpunkt müsste sich jeder Bischof, Priester und jeder Katholik fragen, welchem der beiden Päpste er folgt.

Nicht nur auf die katholische Welt hätten die Taten von Lund großen Effekt, auch die Protestanten würde es durchschütteln. Am Reformationstag 2016 befindet sich die Spitze der deutschen Protestanten in Berlin. In der Marienkirche am Alexanderplatz feiern Heinrich Bedford-Strohm, Margot Käßmann und, genau, Kardinal Reinhard Marx einen Gottesdienst fast zeitgleich zur Andacht in Lund.

Die Nachricht aus Schweden träfe Käßmann und Bedford-Strohm direkt nach dem Schlusslied. Was würden die beiden tun? Nach kurzer, überhaupt nicht euphorischer Überlegung wahrscheinlich eine improvisierte Pressekonferenz anberaumen. Dort freuten sie sich zunächst, dass der Papst mit seiner Abendmahlstat die alte magische Lehre der Wesensverwandlung von Brot und Wein hinter sich gelassen habe. Doch als politische Geste würden sie das Ganze nicht verstehen wollen. Bis zur echten Wiedervereinigung der Konfessionen sei es ein weiter Weg, auf dem vieles wichtiger sei als das gemeinsame Abendmahl. Käßmann: "Wir werden der katholischen Kirche jetzt nicht einfach beitreten wie die DDR der BRD." Aber die lutherische Kirche von Schweden könne dies gern tun, es stehe ihr frei.

Zunächst verhielten sich die Protestanten ganz so, wie man es von ihnen schon kennt: Über den Ereignissen von Lund kann niemandes Autorität zerbrechen, weil niemand Autorität hat. Die evangelischen Kirchen stehen dem Chaos näher, sie sind Vielstimmigkeit gewöhnt. Die Rückseite dieses Zustandes ist aber komplette Unverbindlichkeit. Egal, was Bischof Younan in Lund an Symbolik veranstaltete – es obläge jeder Landeskirche und jedem Kreisverband, daraus Konsequenzen zu ziehen, oder sie eben nicht zu ziehen. Niemand müsste sich nach irgendetwas richten. Mit welcher der diversen evangelischen Kirchen sollte Rom sich überhaupt wiedervereinigen? Am Abend des 31. Oktober 2016, dem Tag der ökumenischen Finalität von Lund, wäre die Christenheit vor allem eins, verwirrt.

Aber es gibt ja noch einen zweiten Besuchstag in Schweden. An Allerheiligen soll der Papst eine Messe im Stadion von Malmö zelebrieren. Schon während der Armenien-Reise im Sommer wurde er gefragt, ob er angesichts des Reformationsgedenkens Luthers Exkommunikation aufheben wolle. Er schwieg. Nun böte Allerheiligen einen exzellenten Rahmen, nicht nur für die Rehabilitation des Reformators. Gleich nach seinem Abendmahlsvorstoß könnte Franziskus nachlegen und Luther zur Selig- oder Heiligsprechung vorschlagen. Er wollte gar nicht spalten! Er war ein vorbildlicher katholischer Denker, wenn auch ein bisschen progressiv!

Was als freundschaftliche Geste gemeint wäre, triebe natürlich evangelische Konservative, von Günther Beckstein bis Katrin Göring-Eckardt, auf die Barrikaden. Eine katholische Vereinnahmung des Reformators, unerhört! Auch andere Konfessionen dürften sich nun mit Recht über die franziskanischen Ökumene-Exzesse aufregen: die Reformierten, die kein Interesse daran haben, jemals das Knie vor einem römischen Popen zu beugen. Oder die Orthodoxen, die jede katholisch-protestantische Annäherung als Verrat an der eigenen Ökumene auffassen müssen. In Polen gäbe es einen Aufstand, auf den Philippinen eine Staatskrise, die Piusbruderschaft würde einen bewaffneten Arm gründen und in den Untergrund gehen.

Wenn auch die Folgen hier überzeichnet werden, die Situation wäre doch paradox: Die Vollendung der Ökumene würde die Ökumene zerstören. Kernschmelze statt Verschmelzung. Es käme zu einer unkontrollierbaren Zerfallsreaktion, welche die christliche Welt auf Jahre durchseuchen würde. Käme die Ökumene an ihr Ziel, würde die Christenheit zersplittern. Man zerbräche in Versöhnung. Deshalb darf dieser Zustand möglichst nie eintreten, deshalb muss man sich in Absichtserklärungen und im Nebulösen ergehen, muss sich zerknirscht zeigen statt festlich. Deshalb heißt die Veranstaltung in Lund "Gedenken" und nicht "Feier". Jeder Christ von Rang muss aus politischen und moralischen Gründen so tun, als betreibe er die Vereinigung, aber niemand, dem seine Konfession lieb ist, kann sie ernsthaft wollen. Die Spaltung scheint – und das aus guten Gründen – unumkehrbar zu sein. Andererseits: Papst Franziskus ist alles zuzutrauen.