Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Als Staatspräsident Erdoğan in der parlamentarischen Versammlung des Europarats nach einem Buch gefragt wurde, das in der Türkei bereits vor dem Druck konfisziert worden war, verglich er es mit einer Bombe. In einem Fernsehinterview verdeutlichte er die Botschaft später noch: "Es gibt Bücher, die sind wirkungsvoller als Bomben."

Wenn ein Buch effektiver als eine Bombe ist, ist ein Autor natürlich gefährlicher als ein Mörder.

Wohl in diesem Glauben fällte die türkische Justiz letzte Woche ein zu dieser Einstellung des Staatspräsidenten passendes Urteil. Vielleicht haben Sie das Video gesehen: Im Mai wurde vor dem Istanbuler Gerichtsgebäude auf mich geschossen. Wegen eines Zeitungsberichts wurde, auf Anzeige des Staatspräsidenten hin, zweimal lebenslange Freiheitsstrafe für mich gefordert. Dieses Strafmaß bedeutete nach altem Recht Todesstrafe. Der Staatspräsident wollte mich also wegen eines Berichts hängen lassen. Da die Todesstrafe abgeschafft ist, würde er allerdings mit lebenslanger Haft auskommen müssen.

War mein Bericht falsch? Nein. Die Anschuldigung lautete lediglich, ich hätte ein schmutziges Geheimnis der Regierung aufgedeckt. Nach drei Monaten in Untersuchungshaft wurde ich für den weiteren Prozessverlauf auf freien Fuß gesetzt.

Am Tag des Überfalls auf mich war ich in Erwartung des Urteils auf den Hof hinuntergegangen, da kam plötzlich ein wutverzerrtes Gesicht auf mich zu – und glänzendes Metall. Zuerst hörte ich das Gebrüll: "Vaterlandsverräter!", dann den Schuss. Ich roch das Pulver.

Dank meiner Frau, die den Attentäter in letzter Sekunde entdeckte und todesmutig nach seinem Arm griff, und eines befreundeten Abgeordneten, der den Mann am Kragen packte, überlebte ich. Die Kugel prallte vom Boden ab und fuhr einem Kollegen ins Bein, der versuchte, mich zu schützen.

Der Attentäter wurde ergriffen. Einige Stunden nach dem Attentat betraten wir erneut den Gerichtssaal. Kurz drückte der Richter Mitgefühl aus, dann verkündete er das Urteil: "Fünf Jahre und zehn Monate Haft ..." Der Attentäter kam in Untersuchungshaft, ich ging in Revision.

Nachdem mein Bericht seinerzeit erschienen war, hatte der Staatspräsident angekündigt, ich würde dafür bezahlen müssen. In der Verhandlung zum Attentat wurde der Schütze gefragt, ob diese Aussage ihn beeinflusst habe. "Ja, das hat sie", bestätigte er.

Die Staatsanwälte, die mich wegen eines einzigen Berichts zweimal lebenslänglich hinter Gitter bringen wollten, forderten für meinen Attentäter wegen seiner einen Kugel eine Höchststrafe von zehn Jahren.

Das Gericht zeigte "Verständnis": Es kam zu dem Schluss, Tötungsabsicht habe nicht bestanden, und ließ den Mann, der am helllichten Tag vor dem Gerichtsgebäude auf einen Journalisten schoss, letzte Woche laufen.

Ich saß drei Monate in Untersuchungshaft, mein Attentäter fünfeinhalb.

Stimmt ja: "Es gibt Berichte, die sind gefährlicher als Blei." So müssen denn Autoren hinter Gitter, Attentäter aber freigelassen werden.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe