DIE ZEIT: Frau Weichold, die Pubertät ist nichts, worüber sich Mädchen in Deutschland wirklich freuen. Warum ist das so?

Karina Weichold: Mädchen haben es bei uns nicht gerade leicht, zur Frau zu werden, weil die Veränderungen tabuisiert werden. Einerseits gibt es eine große Sexualisierung in den Medien, andererseits wird man seltsam beäugt, wenn einem Brüste wachsen und man insgesamt runder wird. Wenn der Körper sich verändert, empfinden das nicht nur die Mädchen selbst als problematisch, sondern in vielen Fällen auch ihr Umfeld. Denn die Veränderungen stehen häufig in großem Gegensatz zu dem bei uns propagierten Schönheitsideal. Wenn man sich Models anschaut, weiß man: So sieht in der ganz großen Mehrheit keine erwachsene Frau aus. Das führt zu einem Spannungsfeld.

ZEIT: Inwieweit nimmt das Umfeld Einfluss auf den Verlauf der Pubertät?

Weichold: Wenn Familie, Freunde und Lehrer den körperlichen Veränderungen positiv gegenüberstehen, wird dem Jugendlichen diese Zeit sehr erleichtert. Wenn es zum Beispiel Riten oder Feste gibt, die mit pubertären Ereignissen wie der ersten Menstruation verknüpft sind, kann das eine stärkende Wirkung haben.

ZEIT: Die Pubertät hat also längst nicht überall einen schlechten Ruf?

Weichold: Richtig. Unsere Studienergebnisse zeigen das. In anderen Ländern gibt es einen wesentlich entspannteren Umgang mit dem Erwachsenwerden.

ZEIT: Was genau haben Sie untersucht?

Weichold: Wir erforschen den Umgang mit der Pubertät in einem großen internationalen Rahmen. Alle Befunde, die es bisher dazu gibt, beziehen sich sehr stark auf westliche Kulturen. Es existieren Daten aus den USA, Deutschland und Skandinavien. Darüber gehen wir jetzt hinaus. Bisher haben wir zwölf Länder untersucht, bis zum Ende des Jahres sollen acht weitere hinzukommen. In jedem Land befragen wir 20 Jungen und 20 Mädchen im Alter von 13 Jahren. Damit erheben wir nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Die Jugendlichen geben Auskunft über körperliche Veränderungen, ihr Wachstum, über ihr Hautbild und ihre emotionale Befindlichkeit. Wir fragen, wie das Umfeld der Jugendlichen auf die Veränderungen reagiert und wie sie selbst die Situation sehen. Wenn sie Ängste, Essstörungen oder Depressionen entwickeln oder kriminell werden, versuchen wir zu ergründen, ob diese Entwicklungen mit der Pubertät zusammenhängen. Mithilfe der Pilotstudie wollten wir herausfinden, ob es eine Varianz zwischen den Ländern gibt. Das können wir inzwischen bestätigen: Es ist weltumspannend sehr unterschiedlich, wie Jugendliche ihre Pubertät wahrnehmen.

ZEIT: Welche Ergebnisse haben Sie besonders überrascht?

Weichold: Die Mädchen in Deutschland empfinden die Pubertät im internationalen Vergleich am negativsten. Sie glauben nicht, dass ihr Körper schöner wird, sondern sehen ihn eher hässlicher werden. Das steht in großem Kontrast zu vielen anderen Kulturkreisen. Nur in den USA, so vermuten wir, werden die Ergebnisse noch negativer ausfallen. Ganz anders sieht es in Ghana aus. Dort werden die körperlichen Veränderungen als etwas Wünschenswertes begrüßt. Üppigere Formen entsprechen dem Schönheitsideal. Die Mädchen fühlen sich von ihrer Familie, den Freunden und ihren Lehrern unterstützt. In manchen Teilen des Landes wird bis heute ein besonderes Ritual durchgeführt: Mädchen, die zum ersten Mal ihre Tage bekommen, werden mit einer Maispaste eingerieben, bekommen traditionelle Perlengürtel umgelegt, und es gibt eine Zeremonie, bei der sie gemeinsam mit der gesamten Gemeinschaft zu einem Schrein innerhalb des Dorfes laufen.

ZEIT: An welchen Orten fiebern die Jungen ihrer Pubertät entgegen?

Weichold: In Indien. Die Jungen freuen sich hier über die körperlichen Veränderungen – vermutlich weil ihnen vermittelt wird, dass man alles erreichen kann, wenn man groß, stark und erwachsen ist. Aber auch in anderen Ländern reagieren Jungen auf die Zeit der Pubertät wesentlich positiver, sogar in Deutschland. Sie werden muskulöser, größer und entwickeln sich entsprechend dem männlichen Schönheitsideal.

ZEIT: Die Jungen haben es also leichter?

Weichold: Nicht überall. In Kenia empfinden Jungs die Zeit des Erwachsenwerdens als sehr negativ. Denn gerade in ländlichen Gebieten ist es Brauch, sie erst während der Pubertät zu beschneiden. Wir vermuten, dass sie davor große Angst haben und deshalb so negativ auf ihre Pubertät reagieren. Möglicherweise spielt aber auch die Perspektivlosigkeit eine Rolle, die häufig dazu führt, dass sich schon Teenager Gangs anschließen und kriminell werden.

ZEIT: Hierzulande sind Eltern häufig vor allem eines, wenn ihr Kind in die Pubertät kommt: sehr besorgt!

Weichold: Natürlich gibt es Turbulenzen, die für diese Zeit des Erwachsenwerdens typisch sind. Es hat meiner Meinung nach aber auch etwas mit dieser angstvollen und negativen Einstellung der Eltern zu tun, dass die Kinder verunsichert reagieren. In vielen anderen Kulturen wird dieser körperlichen Entwicklung viel gelassener und freudiger entgegengesehen. In Indien beispielsweise ist es Brauch, dass Verwandte und Freunde angerufen werden, wenn ein Mädchen zum ersten Mal seine Tage bekommen hat. Es werden Geschenke verteilt, Gespräche geführt und Tipps gegeben. Vielleicht sollten auch wir versuchen, den Veränderungen positiver zu begegnen.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Weichold: Ich habe eine Tochter, zu der ich neuerdings immer sage: "Wenn dein Körper sich verändert, ist das super." Sie sagt inzwischen selbst, dass sie sich darauf freut, erwachsen zu werden. Ich finde, wir sollten unseren Kindern vermitteln, dass das nichts Schlimmes ist – sondern ein Grund zu feiern.