Liebe Parteifreunde von der Jungen Union!

Diesen Brief schreibt ein alter Opa, der sich um seine politischen Enkel sorgt. So zuverlässig, wie an Silvester um Mitternacht die Glocken läuten, erklingt auf jedem Deutschlandtag der Jungen Union das Totenglöcklein der Rentenversicherung. Zur Totenliturgie gehört, nachdem die Litanei von den Grenzen der Belastbarkeit und der Ausbeutung der Jungen durch die Alten gebetet worden ist, der Ruf nach einer grundlegend neuen Rentenpolitik – so weit, so gewohnt!

Ich rate meinen Parteifreunden von der Jungen Union allerdings, sich mit den Elementargesetzen humaner Generationsverhältnisse vertraut zu machen, bevor sie nach einem revolutionären neuen Rentenkonzept suchen, das alle Probleme lösen soll.

Es kann in Berlin regieren, wer will, und selbst dann, wenn die Welt zum zweiten Mal erfunden würde: Immer "bezahlen" die Jungen für die Alten. Das war schon im Neandertal so und wird selbst dann noch so sein, wenn wir demnächst den Mars besiedeln.

Dieses unumstößliche Generationengesetz schafft für alle deshalb eine verträgliche Regelung, weil die Jungen einmal alt werden und die Alten einmal jung waren. Es gilt also das Prinzip der Gegenseitigkeit im Zeitverlauf. Keine Generation wird über den Tisch gezogen, weil jede einmal die andere wird oder war. "Wie du mir, so ich dir" ist der kategorische Imperativ der generationsübergreifenden Solidarität.

Deren Grundgedanke ist ein einfaches Verteilungsverfahren: Die Erwerbstätigen gewähren mit einem Teil ihres Einkommens Kredit, mit einem anderen zahlen sie ihre Schulden ab, und der dritte Teil gehört ihnen selbst. Kredit gewähren sie der nachfolgenden Generation, Schulden begleichen sie bei der vorhergehenden. Im Kreislauf des Lebens kommt es immer zum Ausgleich zwischen den anderen und uns.

Unser Rentensystem verbindet auf geniale Weise Eigeninteresse mit Solidarität. Es knüpft nämlich die Höhe der nachträglichen Renten an die Höhe und Dauer der vorgeleisteten Beiträge. So geraten Leistung und Gegenleistung ins Verhältnis proportionaler Äquivalenz.

Bezahlt wird die Rente stets aus dem aktuellen Sozialprodukt. Es gibt realwirtschaftlich keinen Sparstrumpf, aus dem das Geld von gestern für die Rentenzahlung heute entnommen werden könnte. Es wird immer nur der Kuchen gegessen, der jetzt gebacken wird.

Im Alten Testament konnte noch in sieben fetten Jahren das Korn für die sieben mageren gespeichert werden. Realwirtschaftlich ist diese Art der Vorsorge unter den Bedingungen einer dynamischen Weltwirtschaft leider passé und wird nur noch in den Imaginationen der Finanzjongleure und ihrer medialen Bauchredner simuliert.

Es gehört zu den Lebenslügen der Privatversicherung, sich als unabhängig von der Wirtschaftsentwicklung zu gerieren, indem sie ihre gestern eingesammelten Beträge heute verteilt. Es nutzt das schönste Kapitaldeckungsverfahren nichts, wenn das eingesetzte Kapital keine Nutzung findet. Die Ansprüche an die Zukunft lösen zwar Pflichten aus, sind aber noch nicht ihre Verwirklichung.