Am vergangenen Samstagmorgen ist es Sascha Ott selbst, der beim Landesparteitag der CDU ins Mikrofon ruft: "Ich muss mich fragen, ob wir nicht alle wahnsinnig geworden sind." Wobei er das natürlich nicht als Frage verstanden wissen will. Er meint es vielmehr als Ansage.

Ott ist 50 Jahre alt, ein gestandener, aber eher unbekannter Oberstaatsanwalt aus Greifswald, CDU-Mitglied. Hinter ihm liegen die wohl bewegendsten Tage seines Berufslebens. Vor anderthalb Wochen, als die CDU ihre Minister für das neue Kabinett in Mecklenburg-Vorpommern nominierte, stellte ihn Landesparteichef Lorenz Caffier stolz als neuen Justizminister vor. Da war Ott überglücklich. Jetzt, wenige Tage später, hat die CDU Otts Nominierung wieder zurückgezogen. Er wird doch nicht Justizminister – und sieht auch noch seinen Ruf ramponiert. Er sei "politisch tot und beruflich zumindest halb tot", sagt er.

Denn der Vorwurf seiner Partei gegen ihn, Ott, lautet auf Klickbetrug: Er habe bei Facebook "Gefällt mir" gedrückt, aber für die Falschen. Mehrfach habe er in der Vergangenheit Beiträge der AfD gelikt. Zum Beispiel gefiel ihm die Seite eines AfD-Kreisverbands. Zudem markierte er mehrere von der AfD weiterverbreitete Zeitungsbeiträge mit "Gefällt mir", darunter solche der Jungen Freiheit. Zu sehen bekamen das lediglich einige Dutzend Leute, denn was Ott auf Facebook treibt, können nur diejenigen betrachten, die dort mit ihm befreundet sind. Und das sind, wie Ott sagt, "nicht viele – anscheinend wie im echten Leben". Irgendeiner seiner "Freunde" muss Bildschirmfotos angefertigt und an die Presse gegeben haben. Nun bedeuten ein paar Klicks das Ende von Otts politischer Karriere, ehe diese überhaupt begonnen hat. Ist das nicht tatsächlich ein bisschen – ja: wahnsinnig? Oder steckt mehr dahinter?

Ott selbst sagt, er könne sich an einige "Gefällt mir"-Angaben erinnern, etwa für einen Artikel der Augsburger Allgemeinen, der von einer AfD-Seite weiterverbreitet worden war und in dem es um eine Schlägerei zwischen Religionsgruppen ging. Er habe den Artikel gelesen, ihn interessant gefunden, ihn also "gelikt, so heißt das ja wohl". Delikater sind die Texte aus der Jungen Freiheit, die Ott "gefallen" haben. Sie enthalten auch Kanzlerinnen-Schelte. Als ruchbar wurde, dass die Sache Probleme bereiten könnte, hat Ott sein Profil um zahlreiche Likes bereinigt. Entschuldigen aber wollte er sich nicht. Er stehe zu seinem Verhalten, sagt er.

Am Freitagabend voriger Woche soll sogar die Kanzlerin bei Sascha Ott angerufen haben, Angela Merkel ist zugleich Mitglied im Landesvorstand der CDU Mecklenburg-Vorpommerns. Sein Verhalten schade der Partei, soll sie Ott mitgeteilt haben. Der Landesvorstand, der am gleichen Abend in Merkels Beisein tagt, beschließt: Ott wird doch nicht Minister. In seiner Parteitagsrede, einen Tag später, schäumt Ott deshalb: Die Art und Weise, wie man ihn behandle, erinnere ihn an ein Stasi-Verhör im Jahr 1983. Damals habe er sich für eine Brieffreundschaft im Westen rechtfertigen müssen. "Ich musste mich auch öffentlich entschuldigen", sagt er. "Das muss ich heute nicht mehr, und das werde ich auch nicht." Er sei nicht bereit, sich "in einem Käfig politischer Korrektheit einsperren zu lassen". Nicht wenige applaudieren.

Den Fall Ott kann wohl nur verstehen, wer sich erstens die Verunsicherung vor Augen führt, die Mecklenburg-Vorpommerns CDU seit der vergangenen Landtagswahl quält. Da erreichte die AfD aus dem Stand 20,8 Prozent der Stimmen – und landete damit vor der CDU, die nur 19 Prozent holte. Seither fühlt sich Mecklenburg-Vorpommerns CDU gedemütigt von der AfD.

All das kann auch nur verstehen, wer sich zweitens vor Augen führt, dass Otts Heimatstadt Greifswald im Bundestagswahlkreis Angela Merkels liegt, den sie seit 1990 stets gewonnen hat. Mancher in der CDU raunt, was für ein Desaster es bedeuten könnte, wenn die Kanzlerin – unwahrscheinlicherweise – ihren Wahlkreis 2017 an die AfD verlieren würde. Die Abgrenzung der CDU zur AfD könne deshalb nicht groß genug ausfallen.