Was ihr an Silvester zugestoßen sei, sagt Merle N., habe sich angefühlt, als dauerte es eine "Ewigkeit". Dabei waren es wohl nur wenige Minuten. Die 19-Jährige hatte an den Landungsbrücken mit zwei Freundinnen das Feuerwerk angeschaut, dann wollten die Mädchen auf der Großen Freiheit feiern. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto voller wurde es – bis die Studentin, so erinnert sie sich, in einen "Schwarm Männer" gezogen wurde. Ab diesem Moment seien "überall Hände" gewesen. An den Oberschenkeln, unterm Hemd, im Schritt, am Po, an den Brüsten, in den Jackentaschen. Sosehr sie sich gewunden habe, geschrien und um sich geschlagen, es sei unmöglich gewesen, sich herauszuwinden. Irgendwann schließlich spuckte der Mob sie wieder aus, irgendwann konnte sie sich mit ihren Freundinnen in einen Club retten.

Was Frauen wie N. in der Neujahrsnacht passiert ist, beschäftigt seit Monaten die Justiz. Die Ermittler haben unter enormem politischen Druck gearbeitet. Solche "widerwärtigen, kriminellen Taten" könne ein Staat nicht hinnehmen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und Justizminister Heiko Maas forderte: "Die Täter müssen bestraft werden." Aber geht das so leicht?

Die Ausgangslage für die Ermittler war nicht aussichtslos: Immerhin gab es Fotos

Im vorerst letzten Hamburger Prozess gegen drei angebliche Silvester-Grapscher vor dem Landgericht deutet sich an: In Hamburg werden die Ankündigungen wohl größtenteils verpuffen. Zu schwer sind die Taten nachzuweisen, zu viele Fehler haben die Ermittler gemacht. Drei Männer sitzen hier auf der Anklagebank, vorgeworfen werden ihnen sexuelle Nötigung in besonders schwerem Fall und Beleidigung. Laut Anklage sollen sie gemeinsam auf den Kiez gegangen sein, um Frauen "aufgrund eines gemeinsamen Tatentschlusses" zu belästigen. Sie gingen, heißt es weiter, "die Geschädigte zu Zwecken eigener sexueller Erregung körperlich an" und grinsten ihr ins Gesicht, als sie die Hände wegschlug, "wodurch sie die Geschädigte zudem in ihrer Ehre herabwürdigten".

Schwere Vorwürfe. Aber sind sie zu beweisen? Die Ausgangslage für die Ermittler war in Hamburg zunächst noch verhältnismäßig gut. Ein von einem Club engagierter Party-Fotograf hatte von einem Balkon aus Bilder der Menschenmasse auf der Großen Freiheit gemacht. Anders als in Köln, wo die Überwachungskameras nur verschwommene Bilder lieferten, gab es in Hamburg damit hochauflösendes Fotomaterial. Kombiniert mit Zeugenaussagen, so die Hoffnung, könnte es möglich sein, zumindest einige Taten nachzuweisen. Merle N. hätte unter Umständen so ein Fall sein können. Sie war mit ihren blonden Haaren und dem roten Schal auf einigen der Bilder deutlich zu erkennen.

Einzig: Schon kurz nach ihrer Anzeige wenige Tage nach Silvester beginnen die Probleme, beginnen die Fehler der Ermittler.

N. hatte, als sie Anzeige erstattete, einem Polizisten am Telefon gesagt, sie könne keinen der Täter beschreiben. Einer habe einen goldenen Ring getragen, mehr wisse sie nicht mehr. Als sie dann zur persönlichen Vernehmung kam, so erzählt sie es vor Gericht, habe sie sich die Bilder des Fotografen erst einmal in Ruhe anschauen dürfen, alleine, während die verantwortliche Kommissarin in einem anderen Raum wartete. Ein dilettantischer Fehler: Bei der Vorlage von Fotos ist gerade der erste, unverstellte Moment wichtig. Wie reagiert die Zeugin? Kommen die Erinnerungen schnell, oder reimt sie sich etwas zusammen?

Diesen Moment verschenkten die Ermittler, und so verknüpfte N. ihre Erinnerung an die sexuellen Übergriffe wohl mit dem, was sie auf dem Bild sah. Ein Mann mit einem "T-Käppi" stehe da, beschrieb sie das Bild, ein weiterer mit schwarzer Jacke und grauer Kapuze – und meinte sich plötzlich doch an mehr als einen goldenen Ring zu erinnern: Das mussten die Männer sein, die sie begrapscht haben. Zumal die Fragen der Kommissarin genau das nahelegten: Was hat dieser Mann hier gemacht?, fragte sie. Und dieser?

Auf Basis der Bilder gingen bald Fahndungen raus, wenig später wurden drei junge Männer festgenommen. Waren sie es, die N. angefasst hatten?

Auszuschließen ist das nicht, die drei waren am Tatort, erkannten sich selbst auf den Fotos wieder. Aber die Bilder zeigen keine Tathandlungen. Man sieht, wer um N. herumsteht, aber nicht, was die Hände der Personen machen. Es kommt also umso mehr auf das Erinnerungsvermögen der Zeugin an, darauf, dass sie mit Sicherheit sagen kann: Der war es. Nur eben diese Erinnerung wurde durch die Ermittlungsarbeit der Polizei verfälscht. N. sagt das vor Gericht selbst: Fotos und Erinnerungen verschwimmen. Und bei zwei sogenannten Wahllichtbildvorlagen, bei denen die Zeugin den Täter in einer Reihe von Bildern benennen soll, erkannte N. keinen der Angeklagten wieder – sondern entlastete die Männer teils explizit.

Ein weiteres Problem: Die Szenen auf den Fotos, die N. vorgelegt wurden, sind wenig aufschlussreich. Sie zeigen nämlich gar nicht die Tat, jene Minuten, in denen die Studentin "überall am Körper Hände hatte". Das wird erst im Prozess klar. N. hatte ausgesagt, vor einem bestimmten Club angefasst worden zu sein – auf den Bildern steht sie aber vor einem anderen Club. N. war das offenbar nicht bewusst, als sie auf die Bilder schaute. Auch die ermittelnde Kommissarin scheint vor Gericht zum ersten Mal zu hören, dass Aussage und Fotos nicht zusammenpassen. Über die zeitliche Reihenfolge der Bilder, so wirkt es, hat sich die Beamtin keine Gedanken gemacht.

Die Richterin nennt die Fehler der Polizei "eine Katastrophe"

All das zeigt, wie kompliziert die Ermittlungen bei den Silvesterübergriffen sind. Gut möglich ist deshalb, dass nach den falschen Männern gefahndet wurde, dass die falschen Männer monatelang in Untersuchungshaft saßen – und nur auf der Anklagebank landeten, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Die Fehler der Polizei, sagt die Richterin im Verfahren, seien "eine Katastrophe". Statt einer Verurteilung näher zu kommen, wurden wichtige Beweismittel unbrauchbar gemacht, nämlich die Aussage der besten Zeugin. Solche Fehler sind erstaunlich, immerhin machte die Vernehmung eine erfahrene Kommissarin. Die räumt vor Gericht selbst ein: "Man kann nicht von Professionalität sprechen, was die Vernehmung angeht." Und: "Das muss man das nächste Mal anders machen."