Am 29. Oktober vor 60 Jahren stieß Israel im klassischen Blitzkrieg auf den Sinai vor. Ein paar Tage später hatte Israel fast die gesamte Halbinsel erobert. Warum heute an die Suezkrise erinnern? Weil sich in diesem kurzen Feldzug nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft des Nahen Ostens spiegelt. Denn die Region bleibt das ewige Schlachtfeld der Großmächte.

Das zeigt der Verlauf. Mit Gamal Abdel Nassers Putsch gegen den ägyptischen König begann 1952 das Zeitalter der Diktatoren in Nahost – von Kairo bis Damaskus, vom Irak bis zum Maghreb. Dann verblich der Kolonialismus. Die Türken mussten schon 1919 aufgeben; nun traf es England und Frankreich, die das osmanische Erbe unter sich aufgeteilt hatten. Schließlich markiert Suez den Aufstieg Amerikas zur Vormacht in Nahost, eine Ära, die gerade von Russland und dem Iran beendet wird.

Ein Thriller hätte keinen besseren Plot haben können: Verschwörung und Verrat, Abenteurertum und gescheiterte Ambitionen. Was trieb die Vabanquespieler?

Nasser hatte den Suezkanal, die Schlagader zwischen Europa und Asien, im Juli 1956 nationalisiert und die Briten vertrieben. Die sannen auf Rache und heckten mit Israel und Frankreich ein tollkühnes Komplott aus. Israel sollte zuschlagen und den beiden Westmächten den Vorwand zum Eingreifen liefern, selbstverständlich im Namen des Völkerrechts, um den Kanal für die Weltschifffahrt zu sichern. Für das umzingelte Israel war es die Gelegenheit zum Präventivkrieg, hatte doch der einstige Waffenlieferant Moskau die Seiten gewechselt, um die Araber aufzurüsten. Besser ein kleiner Krieg jetzt, als morgen auf die geballte Übermacht seiner Todfeinde zu treffen.

Das Trio hatte die Rechnung ohne den amerikanischen Wirt gemacht, der alle drei zum Rückzug zwang. Präsident Eisenhower hatte dreierlei im Sinn. Erstens: die anglo-französische Konkurrenz endgültig vom Schachbrett zu werfen. Zweitens: die USA im Wettstreit mit Moskau als Schutzpatron der Araber zu positionieren. Drittens sollte Nassers Ägypten zum "Festlandsschwert" avancieren und so Amerikas Vorherrschaft garantieren.

Das klingt vertraut. Heute hat sich Obama ebenfalls von alten Verbündeten distanziert: Jerusalem, Kairo, Riad. Geadelt wird der Iran, um ihn als Ordnungsmacht zu rekrutieren. Doch kann die Rechnung wie damals nicht aufgehen.

Der ägyptische Diktator radikalisierte sich und festigte die Waffenbruderschaft mit der Sowjetunion. Er suchte die Region mit Subversion und Gewalt zu unterwerfen. Dann trieb er Israel in den weitaus gefährlicheren Sechs-Tage-Krieg von 1967. Heute greift Teheran nach Syrien, Jemen und dem Irak – Expansion wie weiland unter Nasser und abermals im Gespann mit den Russen.

Bloß die Fronten haben sich verschoben. Heute genießt Israel eine stille Allianz mit Kairo und Riad sowie ein zartes Einverständnis mit Moskau: Beide gehen sich im syrischen Luftraum aus dem Weg. Doch hat sich Obamas Traum genauso wie der von Eisenhower als Illusion entpuppt. Die freundlichen Ouvertüren gegenüber der jeweils stärksten islamischen Macht haben sowohl Ägypten als auch der Iran als unwiderstehliche Verlockung verstanden. Gleiches gilt für die Sowjetunion damals und Putins Russland heute. Die Geschichte wiederholt sich nicht? Manchmal doch, wie Suez- und Syrienkrieg zeigen.