So klingt Misserfolg auf ganzer Linie in Diplomatensprache: Man habe sich dafür ausgesprochen, dass "der politische Prozess" für eine Beendigung des Krieges "so bald wie möglich beginnen soll", sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow kürzlich nach einer erneuten Runde gescheiterter Gespräche in Lausanne über eine Waffenruhe in Syrien. Immerhin aber seien einige Ideen vorgebracht worden "von Ländern, die wirklich Einfluss auf die Situation haben". Das sollte vielleicht beruhigend klingen, fast so, als wollte Lawrow sagen: Nur ein bisschen Geduld, die wirklich Großen, also Russland und die USA, werden sich am Ende schon auf eine Lösung einigen.

Doch das ist falsch.

Wenn Lawrow von Ländern spricht, die "Einfluss auf die Situation" haben, dann meint er wohl kaum die USA, die in Syrien – wie im gesamten Nahen Osten – keine dominante Rolle mehr spielen. Sondern er meint Russland und jene Macht, deren Einfluss in Syrien bewusst oder unbewusst vom Westen übersehen wird: den Iran.

Nach 1989 haben manche das Zeitalter der Multipolarität in einer globalisierten Welt herbeigewünscht. Keine Macht allein würde sich dann mehr anmaßen können, den Weltpolizisten zu spielen. Jetzt stellen wir fest: Der Syrienkrieg selbst ist zu einer multipolaren Hölle geworden. Niemand kann ihn gewinnen, keine Macht allein ihn beenden. Was sich dort seit nunmehr fast fünf Jahren abspielt, ist kein Stellvertreterkrieg wie aus den heute geradezu simpel wirkenden Zeiten des Kalten Krieges, als sich USA und Sowjetunion zusammensetzen, einen Deal aushandeln und ihre jeweiligen Verbündeten zurückpfeifen konnten. In Syrien kämpfen moderate Aufständische an der Seite radikaler Islamisten gegen das Assad-Regime; Assad kämpft um sein Überleben; Regionalmächte wie die Türkei, Saudi-Arabien und Katar ringen um die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten; Sunniten töten Schiiten; ehemalige Kolonialmächte wie Frankreich und die Noch-Supermacht USA wollen die Terrormiliz "Islamischer Staat" vernichten, während die Ex-Supermacht Russland um einen Platz auf der Weltbühne streitet, den ihr niemand mehr wegnehmen kann.

Auch der Iran will eine Rolle als regionale Macht und ficht das derzeit in Syrien durch. Seit 2012 stehen die iranischen Revolutionsgarden mit der vollen Unterstützung des obersten Religionsführers Ali Khamenei fest an der Seite Baschar al-Assads. Die Al-Kuds-Brigaden unter dem im Iran als Kriegsheld gefeierten Kassem Suleimani versorgen das Regime von Beginn an finanziell und logistisch. Sie liefern Waffen, von der Kalaschnikow über Raketenwerfer bis zur Drohne, sie stellen Ausbilder zur Verfügung und Geheimdienstinformationen. Zwischen 6500 und 9200 Soldaten paramilitärischer Einheiten der Revolutionsgarden kämpfen laut Schätzungen des britischen Forschungsinstituts Royal United Services Institute for Defence and Security Studies (RUSI) an der Seite von Assads Armee. Ohne die schiitisch-libanesische Hisbollah, diesen kampferprobten verlängerten militärischen Arm des Irans im Nahen Osten, hätte die syrische Armee schon längst viel größere Verluste hinnehmen müssen. Und als sei das alles noch nicht genug, rekrutiert der Iran seit 2015 auch schiitische Kämpfer aus Afghanistan, Pakistan und einigen Golfländern und schickt sie nach Syrien.

Ohne Frage: Russland und dessen syrischer Verbündeter Assad sind verantwortlich für Kriegsverbrechen wie die Bombardierung der Stadt Aleppo und des Hilfskonvois der Vereinten Nationen am 19. September. Zu Recht denkt auch die Bundesregierung darüber nach, ob weitere Sanktionen gegen Russland angebracht sind. Aber das träfe nur einen Teil der Achse, die sich in Syrien gebildet hat und mit militärischen Mitteln Tatsachen schafft.

Was allerdings bei diesen Überlegungen noch zu wenig Beachtung findet, ist, dass Russland und mehr noch Assad die Unterstützung durch die iranischen Bodentruppen benötigen, wenn sie auch nur ein paar Meter Rebellengebiet zurückerobern wollen. Die iranischen Soldaten brauchen für ihren Vormarsch die rücksichtslosen Luftangriffe durch russische Jets und syrische Kampfhubschrauber. Und weil beide Parteien das Überleben des Assad-Regimes sichern und die eigenen Verluste so niedrig wie möglich halten wollen, haben russische Langstrecken- und Kampfbomber im August 2016 auch vom Iran aus Ziele in Syrien angegriffen. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg haben Russland und der Iran so eng miteinander kooperiert.

Monatelang, wenn nicht jahrelang hat sich westliche Diplomatie darauf versteift, dass es keine Lösung in Syrien ohne Russland gebe. Jetzt wird langsam klar, dass es sie offensichtlich auch nicht mit Russland gibt. Jedenfalls so lange nicht, wie die westliche Diplomatie nicht auch Mittel ins Spiel bringen kann, die Moskau zum Einlenken bewegen. Das Gleiche gilt aber auch für den Iran. Allerdings ist die Situation in diesem Fall noch um einiges vertrackter. Das Atomabkommen der sogenannten E3-plus-3-Länder (Großbritannien, Frankreich, Deutschland sowie Russland, China und USA) mit dem Iran sah explizit vor, sich ausschließlich auf die Nuklearfrage zu konzentrieren und alles andere auszuklammern. Das war auch sinnvoll. Hätte man die ohnehin komplizierten Gespräche über die Atomanlagen des Irans, über Kontrollen und eine schrittweise Aufhebung von Sanktionen gegen das Land auch noch mit dem Versuch belastet, weitere Probleme der Region lösen zu wollen, wären die Verhandlungen vermutlich niemals zum Abschluss gebracht worden. Allerdings war damit auch die Möglichkeit vergeben, den Iran eng in Verhandlungen über Syrien einzubeziehen. Das Atomabkommen wiederum, dessen Erhaltung im Interesse des Westens liegt, weil damit die Entwicklung einer atomaren Gefahr zumindest für eine Weile aufgehalten wurde, ist mit einem Ende der Sanktionen gegen den Iran verknüpft. Und nicht nur das: Es sieht ausdrücklich ein größeres wirtschaftliches Engagement des Westens im Iran vor, nicht zuletzt weil man glaubt, damit die "moderaten Kräfte" zu stärken.