"Mr. Watson, kommen Sie bitte. Ich brauche Sie." Der Satz, den Alexander Graham Bell 1876 in das von ihm erfundene Telefon sprach, war banal, aber mit ihm begann das Zeitalter der Telekommunikation. Nun wollen die Nachfolger von Bell ein neues Zeitalter einläuten. Sie wollen die Infrastruktur der Telekommunikation mit den Inhalten der Medienwirtschaft verschmelzen. Dafür bringen sie keine neue Erfindung auf den Markt, sondern sie legen Geld auf den Tisch: 85 Milliarden Dollar. So viel bietet AT&T, der US-Telekommunikationskonzern, der aus Bells Firma hervorgegangen ist, für eine Fusion mit dem Medienkonzern Time Warner. Doch dass die Verbraucher davon profitieren, bezweifeln viele Verbraucherschützer, Politiker und Regulierer. Sie fürchten um die Informationsfreiheit.

Die Summe ist enorm, AT&T blättert das Dreifache des Jahresumsatzes von Time Warner hin. Da der nach einer Serie von Akquisitionen bereits hoch verschuldete Konzern für diesen Kauf noch weitere Kredite aufnehmen muss, kostet die Übernahme insgesamt 108 Milliarden Dollar. Aus Sicht des Telekomriesen ergibt die Fusion dennoch Sinn. AT&T hat mit seiner Infrastruktur insgesamt 100 Millionen Kunden. Der US-Konzern ist der größte Anbieter von Bezahlfernsehen in den USA, die Nummer zwei im Mobilfunk und der drittgrößte Anbieter von Internetzugängen. Time Warner gehören Perlen des Mediengeschäfts: der Kabelsender HBO, Produzent von Serien wie Game of Thrones, der Nachrichtensender CNN, der Verlag DC Comics mit Helden wie Batman und Superman. Und außerdem die Rechte an den Harry Potter-Filmen.

Mit der Übernahme will AT&T-Boss Randall Stephenson sein Unternehmen unabhängiger vom Telefongeschäft machen. Das lief zuletzt schlecht und droht noch schlechter zu werden. Der große Boom liegt hinter der Branche, so gut wie jeder Amerikaner, der ein Smartphone haben will, verfügt inzwischen über eines. Gleichzeitig jagen aggressive Wettbewerber wie T-Mobile und Sprint dem Konzern Marktanteile ab. Im vergangenen Quartal konnte AT&T zwar 1,5 Millionen neue Kunden verbuchen, doch im Vorjahreszeitraum waren es noch 2,5 Millionen Neukunden. Die Wachstumsrate fiel damit um 40 Prozent. Damit nicht genug: Mit Programmen wie WhatsApp, das zu Facebook gehört, ist eine neuartige Konkurrenz zum Telefongespräch entstanden. Stephensons Kalkül bei der Time-Warner-Übernahme: Mit hauseigenen Inhalten will er attraktive Pakete schnüren und so mehr als die bloße Übertragung anbieten. Das könnte neues Wachstum bringen.

Doch Kritiker sorgen sich, dass AT&T seine Position nutzen könnte, um eigene Inhalte bei der Übertragung zu bevorzugen. Das würde Verbraucher benachteiligen, die keine AT&T-Kunden sind. Das widerspräche dem Prinzip der Netzneutralität, das Präsident Barack Obama und seine Regulierungsbehörde FCC erst im vergangenen Jahr festzuklopfen versuchten. Dabei geht es im Kern darum, das Internet und die Mobilfunknetze wie ein Straßennetz zu behandeln, das alle Nutzer gleichberechtigt befahren dürfen. AT&T könnte jedoch eine Vorfahrtsstraße für Time-Warner-Inhalte anbieten, etwa indem die Übertragung von Videos aus dem eigenen Haus nicht auf das monatliche Datenbudget des Nutzers angerechnet wird. Das erhöht de facto den Preis für andere Nutzer, die nicht Kunden von AT&T sind. Selbst wenn eine solche Bevorzugung verhindert werden würde, stiegen mit der Fusion die Hürden für andere Anbieter von Inhalten. Schon hat sich Disney zu Wort gemeldet und Widerstand angekündigt.

Die Behörden könnten solche Arrangements untersagen und dies zur Bedingung für die Genehmigung der Fusion machen. Ein Vorbild dafür gibt es: Als der Kabelanbieter Comcast 2011 den Fernsehsender NBC schluckte, erhielt er die Genehmigung nur, weil Exklusivzugänge dieser Art untersagt wurden. Unter anderem sollte Comcast den Anteil am Streamingdienst Hulu abtreten sowie einen Billig-Breitband-Service und mehr spanischsprachige Programme anbieten. Doch inzwischen hat sich herausgestellt, dass viele der Auflagen schlicht nicht erfüllt wurden.

Wenn AT&T die Time-Warner-Inhalte nicht bevorzugt an seine Kunden abgeben kann, stellt sich die Frage, warum der Telekomgigant den hohen Preis für den Medienkonzern hinblättert – immerhin einen 35-prozentigen Aufschlag auf den Aktienpreis von Time Warner vor der Ankündigung der Fusion. Stephensons Antwort: Er will mit der neuesten Generation des AT&T-Mobilfunknetzes den Kabelanbietern direkt Konkurrenz machen. Der Wettbewerb würde auch den amerikanischen Konsumenten helfen, weil er die lokalen Monopole der Kabelanbieter aufbrechen würde.

Die Wall Street sieht die Übernahme jedoch mit großer Skepsis. Die Aktien beider Unternehmen fielen. Gewöhnlich steigen zumindest die Kurse eines Übernahmekandidaten. Die Investoren sehen offenbar große Schwierigkeiten. Die Ankündigung kommt mitten im Wahlkampf. Donald Trump hat bereits erklärt, er würde den Deal als Präsident verbieten. Auch Hillary Clinton hat Vorbehalte geäußert. Die Stimmung im Land ist gegen Großfusionen, zumal im Medienbereich. Da wirkt es fast kontraproduktiv, wenn Stephenson betont, er werde sich nicht in die redaktionellen Entscheidungen bei CNN einmischen.

Selbst wenn es den beiden Partnern gelingt, die Kartellbehörden und die Telekommunikationsaufsicht zu überzeugen, bleibt der ökonomische Erfolg fraglich. Der Versuch, Infrastruktur und Inhalte in ein Unternehmen zu packen, ist nicht wirklich neu. Time Warner war schon einmal das Ziel einer Übernahme. 2001 zahlte das Onlineportal AOL für den Medienkonzern die damalige Rekordsumme von 165 Milliarden Dollar. Die Transaktion wurde zum Symbol für die Übertreibungen des Internetzeitalters und dient BWL-Studenten bis heute als Anschauungsmaterial für strategische Fehlentscheidungen.

Wird nun AT&T im schnelllebigen Medienmarkt mehr Erfolg haben? Wie AT&T ist auch Time Warner ein über 90 Jahre altes Traditionsunternehmen. Die Firmen dagegen, die die Medienbranche revolutioniert haben, sind Neueinsteiger wie Netflix und Amazon Prime. Sie müssen keine Rücksicht auf alte Ideen oder Strukturen nehmen.