Durch Lindenau lief man besser nur zu zweit. Besonders in der Dunkelheit, wenn die Hauseingänge und kleinen Seitenstraßen plötzlich aussahen wie zwielichtige Augen, die jeden Schritt verfolgten. Als Teenager in den neunziger Jahren kannte man die Geschichten. Sie wurden flüsternd weitergegeben. Geschichten von ungeklärten Mordfällen am Lindenauer Markt und sehr düsteren Gestalten, die in Ausfahrten auf Mädchen lauerten. Es waren Gruselgeschichten gegen den Stillstand.

Lindenau ist ein altes Arbeiterviertel im Westen von Leipzig, mit rostbraunen bis dunkelgrauen Industrieruinen und aneinandergedrängten, brüchigen Altbauten. Viele Menschen gingen, kaum jemand kam. Hier lässt sich bis heute ablesen, was Mauerfall und Wiedervereinigung auch bedeuteten: Mit dem Verschwinden eines Landes verschwand auch Leben. Doch seit ein paar Jahren ziehen wieder junge Menschen ein und kehren den Staub von den Straßen, gründen Bars, Projekträume, Orte für Austausch. Einer der Ersten war Tobias Naehring. 2011 eröffnete er im Erdgeschoss eines Altbaus eine Galerie für zeitgenössische Kunst und ließ sich nicht davon beeindrucken, dass die Leipziger Baumwollspinnerei, das eigentliche Kunstzentrum der Stadt, auf der anderen Seite des Karl-Heine-Kanals lag.

Die Eigentümer des Hauses auf der Lützner Straße waren Freunde, die es für wenig Geld gekauft hatten und für noch weniger Geld vermieteten. Auf der rechten Seite eröffnete ein schwäbisches Restaurant. Die Wohnung in der linken Haushälfte wartete darauf, von Naehring, damals 27 und fast fertig mit dem Kunstgeschichtsstudium an der Universität Leipzig, bespielt zu werden.

Während seines Studiums hatte er immer wieder Ausstellungen mit Leipziger Künstlern in seiner Wohnung organisiert. Die eigene Galerie war der nächste logische Schritt für einen ungeduldigen Studenten, der so schnell wie möglich selbst Teil der Produktionskette werden wollte. Die ersten Künstler wie Malte Masemann, 1979 geboren, ehemals Schüler von Neo Rauch und Heribert C. Ottersbach an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, waren ja schon da und brachten Arbeiten.

Fünf Jahre später, an einem sonnigen Freitagnachmittag im Oktober, steht ein gut gelaunter Naehring in Galeristen-Uniform (Jeans, Sneakers, weißes Hemd, dunkelblauer Pullover) am Ende des dunklen Treppenhauses, öffnet die Tür zu strahlend weißen Galerieräumen. Ab kommendem Wochenende zeigt er eine Ausstellung mit neuen Gemälden von Malte Masemann. Vorher muss Naehring noch die Vexier-Skulpturen von Eva Grubinger abbauen, Gedulds- und Entwirrungsspiele in Übergröße, aus bunten Seilen und glänzendem Edelstahl gemacht.

Die scheinbar unlösbaren Spiele passen zum Kunstmarkt, den man auch als Rätsel verstehen kann, das sich, wenn überhaupt, nur mit Geschicklichkeit und Durchhaltevermögen lösen lässt. Grubingers Ringpuzzle Problem No. 2 in Rot kostet 25.000 Euro (ohne Mehrwertsteuer). In Naehrings Galerieprogramm, mit Fokus auf Malerei und Skulptur, ist es eine der teuersten Arbeiten. Findet man dafür in Leipzig überhaupt Käufer? Gibt es hier eine Sammlerschaft für zeitgenössische Kunst? "Würde es sie nicht geben, wäre ich nicht mehr hier", sagt Naehring: "Die Mittvierziger und Anfang-Fünfziger haben in den letzten Jahren Geld verdient und geben dieses Geld durchaus für zeitgenössische Kunst aus."

Einer von denen, die bei Naehring kaufen und ihn weitervermitteln, ist Steffen Hildebrand. Der Immobilienunternehmer aus Frankfurt lebt seit Jahren in Leipzig. Letztes Jahr hat Hildebrand in einem ehemaligen Datenverarbeitungszentrum in der Innenstadt sein eigenes Privatmuseum namens G2 eröffnet.