"'Ist mein Penis zu kurz? Sind meine Hoden richtig geformt? Was kann ich gegen einen vorzeitigen Samenerguss tun?' Das alles sind Fragen, mit denen Jungen in meine Praxis kommen.

Bei den Mädchen ist klar, an wen sie sich bei Problemen rund um ihre Sexualität wenden können: Sie gehen zum Gynäkologen. Für junge Männer gibt es ein solches Angebot nicht. Deshalb haben mein Kollege und ich beschlossen, in unserer Gemeinschaftspraxis Beratungstermine für Jungen anzubieten.

Im Internet findet man viele Möglichkeiten, sich zu informieren, und auch in der Schule wird Aufklärungsarbeit geleistet. Ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass die meisten Jungen ihren Körper besonders gut kennen. Sie legen viel Wert auf das Äußere, sind schick gekleidet, achten auf ihr Gewicht, treiben Sport, sind muskulös – aber den Intimbereich klammern sie aus. Eine wirklich gute Sexualerziehung und -beratung gibt es für sie nicht. Auch das Internet führt nicht dazu, dass sie mehr über Sexualität erfahren. Pornos zum Beispiel entsprechen ja eben nicht der Realität. Aber weil ihnen das niemand sagt, gehen sie davon aus, dass man 20 Orgasmen am Tag haben kann.

Die jungen Männer, die zu uns kommen, sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Manche Väter raten ihren Söhnen zu einem Besuch, weil sie selbst Patienten sind. Die Jungs werden dann aber häufig von der Mutter begleitet. Beim Erstgespräch frage ich, ob sie bleiben soll. Meistens sagt die Mutter dann von sich aus: 'Ich gehe mal raus.'

Beim ersten Termin geht es vor allem darum, Vertrauen aufzubauen, einen persönlichen Eindruck von dem Jungen zu bekommen. Dann mache ich Folgetermine aus, in denen weiter geredet und auch untersucht wird. Viele Gespräche drehen sich um den ersten Kontakt mit einer Partnerin, um Geschlechtsverkehr. Die Themen sind häufig so intim, dass die Jungen Schwierigkeiten hätten, mit ihrem Vater oder einem Lehrer darüber zu sprechen. Mit Freunden geht das noch viel weniger, sonst würde man ja zugeben, dass nicht alles perfekt läuft. Und die Angst, dass das Ganze am Ende doch nicht vertraulich behandelt wird, ist groß.

Wir Urologen stehen natürlich unter Schweigepflicht. Ich freue mich über jeden, der den Mut hat, in die Praxis zu kommen, und sich traut, sein Problem anzusprechen. Häufig kann ich die Erleichterung im Gesicht des Patienten sehen, wenn dieser erste Schritt geschafft ist. Als ich selbst ein Teenager war, gab es niemanden, an den man sich mit intimen Fragen und Problemen wenden konnte. Vielleicht ist mein persönliches Engagement auch dadurch entstanden."