Das gepeinigte Mädchen, so scheint es, bekommt von allem nichts mit. Nichts von dem Prozess, in dem ihre Vergewaltiger vorige Woche verurteilt wurden. Nichts von der Entscheidung der Staatsanwaltschaft, Revision einzulegen, um für härtere Strafen zu kämpfen. Und nichts von der öffentlichen Debatte, die nach dem Urteil entbrannt ist. Es gab sogar eine Online-Petition, mit der Zehntausende Menschen erreichen wollten, dass die Vergewaltiger ins Gefängnis müssen – drei der vier haben Bewährungsstrafen bekommen. Tatjana K. (Name geändert) aber ist abgetaucht, verschwunden, niemand scheint zu wissen, wo die 14-Jährige ist.

Tatjana K. wurde Opfer eines schweren Verbrechens. Vier junge Männer, 14 bis 21 Jahre alt, haben ihr im Februar in einer Harburger Wohnung Alkohol zu trinken gegeben und sie dann reihum sexuell missbraucht. Sie malträtierten sie zusätzlich mit Gegenständen und filmten sie dabei. Als sie fertig waren, schleiften sie das Mädchen in einen Hinterhof und ließen es wenig bekleidet liegen, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. "Wie Müll", stellte der Vorsitzende Richter fest. Ein Nachbar fand die Teenagerin, er hörte ihr Wimmern. Wäre er später gekommen, wäre Tatjana erfroren.

Als das Verbrechen geschah, war Tatjana in der Obhut des Hamburger Jugendamtes. Sie lebte in einer betreuten Jugendwohnung im Bezirk Wandsbek. Es gab also Menschen, die für sie Verantwortung trugen. Doch versucht man jetzt herauszubekommen, was mit ihr nach der Vergewaltigung geschehen ist, scheint es, als wäre ihr Fall zu einem reinen Aktenvorgang verkommen. In Hamburg fühlt sich niemand mehr zuständig.

Die Polizei sagt, ihr liege keine Vermisstenanzeige vor, also suche sie nicht nach Tatjana. Die Staatsanwaltschaft war nur bis zum Ende der strafrechtlichen Ermittlungen formell zuständig. "Ob nach dem Abschluss der Ermittlungen noch Kontakt der Strafverfolgungsbehörden zu dem Mädchen bestand und weshalb dieser Kontakt gegebenenfalls abgerissen ist, kann ich ohne Kenntnis der Akte nicht beantworten", sagt Oberstaatsanwalt Carsten Rinio. Und beim Gericht heißt es, man habe sich intensiv um Tatjanas Adresse bemüht, um sie als Zeugin anzuhören. Leider ohne Erfolg. Mit Ende des Prozesses vorige Woche endete auch diese Zuständigkeit.

Wie kann es sein, dass ein 14-jähriges Mädchen einfach verschwindet?

Sicher ist nur: Das Jugendamt Wandsbek hat den Fall nach Berlin abgegeben, weil dort der Vater von Tatjana lebt. Das tat er auch schon vorher. Was also war der Anlass, dass die Akte im Mai abgegeben wurde? Hat man nur die Unterlagen weitergereicht oder auch einen persönlichen Kontakt zu Tatjana hergestellt? "Dazu haben wir leider keine Informationen", sagt Sprecherin Lena Voß. "Wir haben hier einen Abschluss." Fall erledigt.

Letzter Versuch: Jugendamt Berlin-Charlottenburg/Wilmersdorf. Auch dort vermag keiner zu sagen, ob nur ihre Unterlagen auf dem Schreibtisch liegen oder ein persönlicher Kontakt zu Tatjana besteht. Ob sie irgendwo betreut wird.

Und ihre Familie? "Sie hat keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater und ihrer Schwester", sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsbegründung. Die Schwester hatte im Gerichtssaal ausgesagt, da war Tatjana schon verschwunden. Sie erzählte, Tatjana habe zu niemandem mehr Vertrauen. Deshalb habe sie sich zurückgezogen.

Offenbar spielen auch Selbstvorwürfe eine Rolle. "Junge Mädchen sind oft nicht in der Lage, eigenes und Fremdverschulden sauber voneinander zu trennen", sagt Tatjanas Anwältin Christine Siegrot. "Sie fühlt sich mitschuldig, weil sie Alkohol getrunken hat und bei fremden Männern war." Mehr will die Anwältin nicht sagen.

Für Hamburg wird der Fall erst wieder aktuell, wenn der Prozess gegen die Vergewaltiger neu aufgerollt wird. Dann muss das Gericht erneut versuchen, Tatjana als Zeugin anzuhören.