Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Verschwörungstheorien sind die neue politische Religion. Das zeigen die Glaubensbekenntnisse an den rechten und linken Rändern. Die Deutschen sollen umgevolkt werden. Die Bundeskanzlerin ist heimlich zum Islam konvertiert. Dass die Amerikaner die Anschläge vom 11. September 2001 selbst inszeniert haben, dass die Konzerne die Macht in der Welt längst übernommen haben und gegen Freihandelsabkommen zu sein so etwas wie Widerstand gegen eine Diktatur ist – mit welcher Inbrunst diese Theorien bekannt und verteidigt werden, lässt sich in den sozialen Netzwerken beobachten.

Die Ingredienzien dieser neuen Religion sind sehr alt, wie immer bei neureligiösen Bewegungen. Ohne Antisemitismus geht es selten. Entweder unverhohlen oder direkt sind Juden an allerhand Weltverschwörungen beteiligt, vor allem, wenn Geld im Spiel ist. Wenn Juden nicht passend erscheinen, sind es Muslime oder Liberale, die sich in Wahrheit nur als Liberale verkleiden und eine Diktatur von Homosexuellen wollen.

Der Kern der Botschaft: Glaub nicht, was du siehst. Die Wirklichkeit ist anders. Wir, die Erwählten, haben es durchschaut. Wir sind die, die die Offenbarung empfangen haben. Deshalb sind Argumente auch so vergeblich. Wer Einwände hat, glaubt es nicht. Entweder fehlt noch die Einsicht, oder der Verstockte kann nicht anders. Wer Fragen stellt, ist Häretiker oder Ketzer oder Feind. Die Logik von Verschwörungstheoretikern ist die einer fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft ohne Gott.

Die Selbstinszenierung als Minderheit der Weisen, die Arkandiszplin derer, die in den Bund der Glaubenden aufgenommen werden, die Brutalität, mit der interreligiöse Debatten kleingehalten werden, das Freund-Feind-Denken, die missionarische Aktivität, die an die Sehnsucht nach Auserwähltsein appelliert, die Idee, dass die wahren Eliten ganz woanders sind, aber in keinem Falle da, wo sie sich als vermeintliches Establishment festgesetzt haben – alles Elemente religiöser Gruppierungen. Deshalb könnten die Vorstellungen am Glaubenshimmel auch krude oder gefährlich oder abgrundtief menschenfeindlich sein.

Wer das so sieht, hat es nicht verstanden. Gegen Verschwörungstheorien hilft nur Religionskritik. Beweise zu fordern hat noch nie funktioniert. Es kann nachdenklich machen, dass an den Rändern des politischen Spektrums die besonders empfänglich für dieses Angebot an totaler Weltdeutung sind, die nicht mehr in einer Kirche sind.