Antoine Leboutte fühlt sich in dieser Geschichte ein wenig wie ein Gewinner, auch wenn diese eigentlich nur Verlierer kennt. Stolz deutet er auf ein mittelalterliches Gebäude in Namur, der Hauptstadt der belgischen Region Wallonien, das, in frischem Rot gestrichen, am Ufer der Maas liegt: den Sitz des Regionalparlaments. "Wenn ein kleines Parlament wie das hier noch ein bisschen Macht hat, sollte man sie nutzen", sagt Leboutte.

Mit zwei Freundinnen, die als Erzieherinnen auf dem Land arbeiten, ist der Dachdecker Leboutte aus einem 30 Kilometer entfernten Dorf für eine Hochzeit in die Stadt gekommen. Eigentlich sind die drei unpolitisch, aber was gerade in Namur geschieht, das finden sie großartig.

"Wir sind eben nicht immer einverstanden mit den Großen. Wir haben das Recht, Nein zu sagen", sagt die 28-jährige Tiphanie Loicq. "Was so gar nicht unserer Gewohnheit entspricht", ergänzt die 33-jährige Elodie Loicq, "normalerweise sind wir Wallonen folgsam wie Schafe."

Dann lachen sie. Denn gerade sind die Wallonen nicht mehr folgsam wie Schafe. Gerade bedroht das Parlament ihrer kleinen Region die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union, weil es das Handelsabkommen Ceta blockiert, das die EU mit Kanada abschließen will. Ohne die Zustimmung seiner Regionalparlamente darf das föderale Belgien den Handelsvertrag nämlich nicht unterzeichnen, und ohne Belgien kommen die nötigen Stimmen aller Mitgliedsstaaten der EU nicht zusammen, damit er in Kraft treten kann.

Für die Europäer ist das eine Blamage ohne Beispiel. Nach Griechenlandkrise und Brexit wollten die Politiker und Bürokraten in Brüssel beweisen, dass mit Europa noch zu rechnen ist. Das Abkommen mit den Kanadiern gilt als einer der fortschrittlichsten Handelsverträge aller Zeiten – mit zahlreichen Klauseln zum Schutz von Umwelt und Verbrauchern. Auf immer neue Zugeständnisse hat sich die kanadische Regierung eingelassen, um die Kritiker in Europa zu besänftigen. Doch bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe sah es ganz so aus, als müsse die für diesen Donnerstag angesetzte feierliche Unterzeichnung des Vertragswerks wohl abgesagt werden.

In der wallonischen Hauptstadt Namur lässt sich wie unter einem Brennglas beobachten, was an vielen Orten schiefläuft in der EU – und warum viele Bürger kein Vertrauen in sie haben.

Es ist ja nicht so, dass die Wallonie eine Bastion durchgedrehter Wutbürger wäre. Der Hauptstadt Namur geht es ökonomisch vergleichsweise gut, auch rechtsextreme Parteien haben weniger Zulauf als etwa in vielen französischen Städten. Der Widerstand gegen das Handelsabkommen findet vielmehr Unterstützung in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. "Unternehmer wie ich, Handwerker, Universitätsprofessoren – niemand bei uns ist für das Abkommen", sagt Benoit Hargot, ein Bauingenieur, der in der renovierten Innenstadt ein weltweit tätiges Architekturbüro mit fünf Angestellten leitet. Zwischen jahrhundertealten Ziegelwänden arbeitet er gerade an Aufträgen aus Deutschland und Japan.

Die Aussicht auf Zugang zum kanadischen Markt reizt ihn nicht. "Dafür sind wir zu klein", sagt er. Sein Vorbild ist eine Welt nach dem Muster des neuen Restaurants eines international hochdekorierten Kochs, der im Ort Küche aus aller Welt bietet – zubereitet aus dem Gemüse vom eigenen fünf Hektar großen Bauernhof vor den Toren von Namur. Ökologisch, nachhaltig, wallonisch.

Dabei war die Wallonie im 19. Jahrhundert die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hinter Großbritannien. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ging die alte Stahl- und Bergbauindustrie unter. Und mit ihr verschwanden sämtliche Großunternehmen der Region. Es gibt zwar eine neue Gründerwelle. Namurs alte Hinterhöfe sind heute voller kleiner Hightech-Büros. Doch die alten Industriezentren um Lüttich und Charleroi leiden unter einer hohen Arbeitslosigkeit. Vor allem aber hat der wallonische Regierungschef Paul Magnette ein Problem, weil seine sozialdemokratische Partei Wähler an linke Gruppierungen verliert. Der Widerstand gegen Ceta ist für ihn ein Mittel, um sich innenpolitisch zu profilieren.

Und so steht Ceta für eine Politik, die in Verruf geraten ist: weil sie den Konzernen zu viel Macht gebe und den Bürgern zu wenig. Wenn die Vertreter der Europäischen Kommission auf die vielen Schutzvorschriften in dem Abkommen hinweisen, dann dringen sie hier nicht durch. Nach einer Umfrage stützen mehr als 70 Prozent der französischsprachigen Belgier die Position von Paul Magnette.