Ich gehe aus. Zu einer Lesung. Mit Sektempfang. Das war mal normal. Wer schreibt, hat viele Bekannte, die schreiben. Wer schreibt, hat viele Bekannte, die trinken. An den Bekannten hat sich nichts geändert. An meinem Leben schon.

Das Mini trinkt auch gern. Aber anders. Die Babysitterin heißt Selin.

Der Autor auf der Lesung hat einen anderen ausländischen Namen. Sein Buch ist eine Satire über Frauen mit Kopftuch. Es geht um Missverständnisse und Staatsverständnisse und in der Pause um alles. "Da fehlt ein Luther", sagt eine Frau mit schwerem Goldschmuck. "Die müssen sich von Gewalt distanzieren", sagt eine Frau mit schwerem Parfum. "Ist eben eine Machokultur", sagt ein Mann mit schweren Augenlidern. Ich hatte leichtere Gespräche erwartet.

Dort, wo ich das Ausgehen lernte, gab es keine Menschen mit Kopftüchern. Es gab Matthias. Bei einer Prügelei in der Kuschelecke des Kindergartens lernten wir uns kennen. Beim Rauchen im Erholungsraum unserer Schule wurden wir zu Freunden. Und bei einem Roadtrip ohne Führerschein schworen wir Blutsbrüderschaft. Gingen wir aus, kamen wir erst morgens nach Hause. Ich häufig alleine. Matthias eher selten. "Ich kann eben mit Menschen", sagte Matthias. "In die Augen schauen, bisschen quatschen, dann weißt du, wie die ticken." Ich konnte eher mit Büchern.

Die Bücher machten mich zum Studenten, irgendwo im Ausland. Die Menschen machten Matthias zum Auszubildenden bei einem Mittelständler in der Gegend. "Ich studiere das Leben", sagte er. Wir telefonierten erst jeden Tag, dann nur noch an Geburtstagen. Ich erzählte von Vorlesungen in einer anderen Sprache. Matthias erzählte von Businessreisen in alle Welt. Er schaute den Frauen in Afrika in die Augen. "Du weißt ja, was man da sagt." Und den Frauen in Amerika. "Total verrückt." Nur in die Augen von Frauen mit Kopftuch blickte er nie. "Da kriegt man gleich Ärger mit dem Bruder." – "Sicher?", fragte ich. "Kann man überall lesen", sagte Matthias. "Die werfen sich doch alle nur auf den Boden."

Vor mir hat sich erst ein Mensch auf den Boden geworfen. Das Kind von Freunden.

Die Freunde hatten mich vor ein paar Wochen zum Abendessen eingeladen. Samt Mini. "Unsere Kleine freut sich über Minis", sagte die Gastgeberin. Die Kleine freute sich, als das Mini gefüttert wurde. Sie freute sich, als ich das Mini im Arm hielt. Sie warf sich schreiend auf den Boden, als die Gastgeberin das Mini im Arm hielt. "Was hat sie?", fragte ich. "Zu wenig Erfahrung", sagte die Gastgeberin.

Matthias ist seit Kurzem Russland-Vertreter seiner Firma. Er sagt, es sei der Wahnsinn.

Als ich nach der Lesung die Wohnung betrat, schlief das Mini in Selins Armen. "Ich kann eben mit Menschen", sagte Selin. Sie lächelte. Ich nickte. Dann öffnete ich uns eine Flasche Sekt. Als Selin nach Hause ging, zog sie ihr Kopftuch ein bisschen fester.