Susanne Eisenmann blieb nichts erspart. Ein Debakel für Baden-Württemberg! Und ausgerechnet sie, die neue christdemokratische Bildungsministerin, musste am vergangenen Freitag für die Kultusministerkonferenz jene Studie vorstellen, die für ihr Bundesland so bitter ist. Das Institut für die Qualitätsentwicklung im Bildungswesen hat die Leistungen der Neuntklässler in Deutsch und Englisch getestet. In vielen Bundesländern sind die Schüler seit 2009 besser geworden. Doch in Baden-Württemberg, dem einstigen Bildungsmusterländle, wurden sie deutlich schlechter.

Und zwar auf breiter Front. Im Testjahr 2015 scheiterten satte 25 Prozent der Schüler beim Lesen einfacher Texte; 2009 waren es erst 18 Prozent. Beim Zuhören, dem Begreifen mündlicher Texte, scheiterten 21 Prozent am geforderten Mindeststandard (2009: 12 Prozent). Von den Gymnasiasten erreichten nur knapp acht Prozent den sogenannten Optimalstandard im Lesen, also das, was die Kultusminister von einem sehr guten Gymnasiasten erwarten; 2009 waren es noch fast doppelt so viele. Jeder kennt den Werbespruch des Landes: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." Heute müsste man wohl sagen: "Wir konnten alles. Sogar Hochdeutsch."

"Das ist ein schockierend schlechtes Ergebnis", sagt Susanne Eisenmann und dürfte damit die Stimmung der meisten ihrer Landsleute wiedergeben. "Wir sind mit der Platzierung im Vergleich zu den anderen Ländern nicht zufrieden. Wir haben teilweise Resultate erzielt, die den Ansprüchen Baden-Württembergs in keiner Weise entsprechen", sagt Eisenmann. Was sie damit meint: dass ihr Bundesland in manchen Kategorien, etwa beim Zuhören, im Tabellenkeller landete, eingerahmt von den Bildungs-Schmuddelkindern Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bremen.

Baden-Württemberg! Schon immer für sein Bildungsethos und seine guten Schulen bewundert, spätestens seit man 2000 beim Bundesländervergleich der Schulstudie Pisa beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften auf Platz zwei, gleich hinter Bayern, gelandet war. Kurze Zeit später bescheinigte eine internationale Grundschulstudie den jüngsten Schülern aus dem Südwesten, dass sie Anschluss an die Weltspitze fänden.

Jetzt der Absturz. Warum nur?

Natürlich fällt der Blick auf die Vorgängerregierung, der steilste Leistungsabfall fällt in ihre Amtszeit. 2011 bekam das seit Jahrzehnten CDU-regierte Land mit Winfried Kretschmann erstmals einen grünen Ministerpräsidenten. Dem Juniorpartner SPD fiel das Kultusministerium zu – und der betraute mit Gabriele Warminski-Leitheußer eine beinharte Ideologin mit dem Amt der Ministerin. Mit unzähligen Reformen brachte sie in kurzer Zeit größtmögliche Unruhe in die Schulen. Die Realschulen wurden vernachlässigt, stattdessen wurde mit viel Wind die sogenannte Gemeinschaftsschule auf den Weg gebracht, eine Art Eier legende Wollmilchsau der Pädagogik, die Förder-, Haupt- und Realschüler sowie Gymnasiasten zum jeweils passenden Abschluss führen soll. Noten müssen nicht gegeben werden. Warminski-Leitheußer schaffte die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung ab – ob das Kind nach der Grundschule auf ein Gymnasium wechselt, entscheiden nun allein die Eltern. "Der Leistungsgedanke wurde systematisch desavouiert", sagt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein.

Hinzu kamen ideologiegetriebene Personalentscheidungen. Als Berater engagierte die Ministerin zum Beispiel den Schweizer Bildungsunternehmer Peter Fratton, Schöpfer der skurrilen "Pädagogischen Urbitten": "Bringe mir nichts bei, erkläre mir nicht, erziehe mich nicht, motiviere mich nicht."

2013 zog die SPD die Reißleine und drängte Warminski-Leitheußer zum Rücktritt. Ihr Nachfolger wurde der Pragmatiker Andreas Stoch, dem selbst politische Gegner eine solide Amtsführung bescheinigen. Er war aber damit beschäftigt, den Scherbenhaufen seiner Vorgängerin zusammenzufegen.

Ist also die SPD am baden-württembergischen Schuldesaster schuld? Zum Teil sicher, aber sicher nicht allein. Erstens weil einige von Warminski-Leitheußers Reformen zum Testzeitpunkt noch gar nicht umgesetzt waren. Zweitens weil ein langsamer Abstieg schon seit CDU-Zeiten festzustellen ist. War Baden-Württemberg beim Pisa-Ländervergleich 2000 noch überall auf Platz zwei der Bundesländer, fand man sich 2006 auf den Plätzen drei und vier, beim Ländervergleich im Jahr 2009 war Baden-Württemberg in Mathematik und den Naturwissenschaften nur noch unauffälliger Bundesdurchschnitt.

Der Absturz

Pisa/IQB © ZEIT-Grafik

Den langsamen Abstieg zu erklären ist schwieriger. "Schulqualität erreicht man vor allem im Unsichtbaren", erklärt Ulrich Trautwein, "wie in der Interaktion zwischen Schüler und Lehrer." Für eine bessere Unterrichtsqualität habe man zu wenig getan. Viele Lehrer im nicht gymnasialen Bereich würden an pädagogischen Hochschulen ausgebildet, wo die Qualität der Ausbildung zwischen den einzelnen Hochschulen und Fächern höchst unterschiedlich ausfalle und manchmal Ideologie wichtiger sei als Wissenschaftlichkeit. Außerdem habe man kein System der Qualitätssicherung entwickelt. "Baden-Württemberg hat im Unterschied zu anderen Ländern nach dem Pisa-Schock kein großes Leseförderprogramm aufgelegt", sagt die Heidelberger Erziehungswissenschaftlerin Anne Sliwka. "Vielleicht weil man zu gut war." Das räche sich jetzt. Dass viel Unterricht von fachfremden Lehrkräften erteilt werde, liege auch an zu vielen kleinen Schulen, die es schwer hätten, Pädagogen mit der richtigen Fächerkombination einzustellen.

Es obliegt nun Susanne Eisenmann, die baden-württembergischen Schulen wieder auf Vordermann zu bringen. "Wir haben ein Qualitätsproblem", sagt sie, "und das müssen wir in den Griff bekommen. Wir brauchen endlich wieder Stabilität in den Strukturen." Dabei wolle sie die Unterrichtsqualität und die Aus- und Fortbildung der Lehrer verändern. "Und wir brauchen wieder die Klarheit, dass Leistung wichtig ist. Jeder bekommt seine Chance, aber er muss wissen, dass sich Erfolg nicht ohne Anstrengung einstellt."

Dass sich CDU, Grüne und SPD die Suppe gemeinsam eingebrockt haben und dass auch der fachliche Fokus des Oppositionsführers – es ist der ehemalige Kultusminister Andreas Stoch – auf der Bildung liegt: Vielleicht bietet das Baden-Württemberg die Chance, bald wieder Hochdeutsch zu sprechen.

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