Atmen Sie tief ein und langsam wieder aus, stecken Sie sich einen Finger ins Ohr (bei Skepsis kann dieser Schritt durch gemütliches Summen ersetzt werden). Stellen Sie sich etwas Leckeres vor oder eine attraktive nackte Person. Versuchen Sie im Anschluss, wie ein alter Weihnachtsmann zu lachen.

Auch die anmutig Verzichtenden dürften zumindest einen gewissen Vorstellungseffekt haben. Das Angenehme an diesen Tätigkeiten erklärt auch die entspannende Wirkung von Yoga, Kochsendungen-Gucken, Sex und guten Witzen. Darf ich vorstellen – der coole Teil Ihres vegetativen Nervensystems, auch bekannt als "Parasympathikus".

Der Parasympathikus gehört zu den unbewussten (vegetativen) Nervensträngen in unserem Körper. Während die bewussten Nerven unsere Beine zum Laufen oder unsere Augen zum Lesen bewegen, kümmern sich die unbewussten Nerven währenddessen darum, dass wir weiteratmen oder das Herz schlägt. Das kann entspannt passieren oder aufgeregt. Der Parasympathikus wird von Dingen angeregt, die wir mit genüsslicher Sicherheit assoziieren. Er sorgt für Erholung. Sein Gegenspieler, der Sympathikus, soll uns leistungsfähig machen und schnell reagieren lassen. Sie kennen ihn vielleicht von Arbeitstagen, an denen man vor lauter Hektik kaum trinkt (oder pinkelt), mit pochendem Herzen von einem Gedanken zum nächsten hüpft, eilig zur Straßenbahn hechtet oder so aufgeregt redet, dass der Mund ganz trocken wird. Schnell liegt dann der Begriff "Stress" auf der Zunge. Meistens wissen wir allerdings nicht wirklich, was das bedeutet – außer eben "Ich bin nicht entspannt", "Habe keine Zeit", oder so was wie: "Das Leben ist hart."

In aller Regel meint man dann psychischen Stress, denn biologisch gesehen wären Stressoren für unseren Körper eher Dinge wie: Hitze, Kälte, Lärm, zu lange Sonneneinwirkung, Weichmacher aus PVC-Böden oder Plastikflaschen, Alkohol, schlechtes Essen und Pestizide aus der Nahrung. Kaum jemand würde allerdings seinen Freund vorm Kino mit der SMS vertrösten: "Sorry, aber bin den ganzen Morgen auf PVC rumgelaufen, hab mies gegessen, auf der Heimfahrt hart gefroren und dann auch noch drei Bier getrunken. Vielleicht ein andermal." Was wir in der modernen Welt meinen, wenn wir "Stress" sagen, könnte man deshalb oft übersetzen mit: Ich vermisse meinen Parasympathikus.

Ein ausgeglichenes vegetatives Nervensystem bedeutet allerdings viel mehr als nur "Aufregung oder Entspannung". Die beiden müssen sich ergänzen und abwechseln, damit ein gesunder Lebensrhythmus entsteht. Immer nur parasympathisch entspannt zu sein ergibt nämlich auch keinen Sinn! Wir brauchen den aufgeregten Sympathikus öfter, als wir denken. Würden wir zum Beispiel gemütlich vom Sofa aufstehen, um uns einen Snack aus dem Kühlschrank zu holen, klänge das ohne Sympathikus so: "Ploompp" (das Geräusch unseres erschlafften Körpers, während wir ohnmächtig auf den Boden fallen). Beim Aufstehen zieht der Sympathikus die Gefäße enger, wie ein Kutscher, der die Zügel beim Losfahren aufwuppt. So sackt unser Blut nicht auf einmal schwallartig runter in die Beine, und wir können unseren Körper unversehrt zum Kühlschrank kutschieren. Es gibt tatsächlich Menschen, die durch zu viel Parasympathikus immer mal wieder ohnmächtig umkippen. Plump gesagt leiden sie an übereifriger Entspannung – und das kann sehr unangenehm sein, auch wenn es wie ein Phänomen klingt, auf das man im Entspannungskurs neidisch gucken würde.

Die Balance der unbewussten Nerven kennt noch viele weitere Ebenen. Schaut man sich die meistverschriebenen Medikamente Deutschlands im Jahr 2014 an, sind unter den Top Ten gleich drei Modulierer der unbewussten Nerven, sogenannte Betablocker, die den Sympathikus abschwächen. Gewöhnlich bekommen sie vor allem ältere Menschen mit Bluthochdruck, unregelmäßig schlagenden oder überlasteten Herzen. Aber nicht nur solche Pillendosen-Klassiker erzählen uns etwas über Sympathikus und Parasympathikus – auch neuere Forschung haut ganz gut auf die Erkenntnis-Glocke.