Dass Erkältungen in der kalten Jahreszeit zuschlagen, ist seit der Antike überliefert. Woran es liegt, wurde erstaunlicherweise erst in den vergangenen Jahren aufgeklärt. Am winterlichen Hust- und Nieskonzert ist, so viel steht fest, ein ganzes Orchester von Erregern beteiligt. Neben einigen Hundert Virustypen, die harmlose Erkältungen hervorrufen, sind die Influenzaviren als Auslöser der echten Grippe gefürchtet. Genetische Untersuchungen ergaben, dass die globalen Grippewellen nur von einigen wenigen Herden ausgehen, die meistens im Osten Asiens liegen – das Niesen eines Babys in China kann einen viralen Tornado in Europa auslösen.

Doch warum tritt der Schneeballeffekt, der aus einzelnen Erkrankungen eine Infektionslawine macht, nur im Winter auf? Dem Volksmund nach fördert vor allem kalte Witterung die Entstehung von "Erkältung" und "Influenza" (vom italienischen influenza di freddo, wörtlich: Einfluss der Kälte). Bei niedrigen Temperaturen werden die Atemwege zwar weniger durchblutet, um den Körper vor Wärmeverlust zu schützen. Und ebenso kann sich eine bereits bestehende, aber womöglich unbemerkte Virusinfektion durch Auskühlen verschlimmern – deshalb ist es klüger, im Winter nicht mit nassen Haaren nach draußen zu gehen. Dass Kälte an sich jedoch das Immunsystem schwächt und die Anfälligkeit für Infekte erhöht, wurde nie bewiesen.

Erstaunlicherweise hängen trotzdem viele Ärzte, Heilpraktiker und Sonnenstudiobesitzer dieser Hypothese an. In der kalten Jahreszeit sind die Apothekenregale mit "Immunstimulanzien" gefüllt, die gegen Viren schützen sollen. Für dieses Versprechen gibt es jedoch keinerlei wissenschaftliche Belege. Besonders intensiv wird derzeit Vitamin D beworben, das unter dem Einfluss von Sonnenstrahlen in der Haut gebildet wird. Bei Großstadtkindern liegen die Vitamin-D-Werte zwar im unteren Grenzbereich, doch das ist ganzjährig so, es kann daher nicht der Grund für die winterlichen Erkältungswellen sein. Nach aktueller Studienlage schützen weder Vitamin D noch Solariumbesuche vor Infekten.

Davon abgesehen treten Grippewellen auch in den Tropen auf, wo es kaum jahreszeitliche Temperaturschwankungen gibt. Und in nördlichen Ländern verbringen die Menschen den Winter größtenteils in geheizten Räumen. Die niedrigen Außentemperaturen können die Zunahme von Atemwegserkrankungen also nicht erklären.

Vor der Kälte ins Warme zu flüchten ist sogar gefährlich: In wenig belüfteten Räumen und öffentlichen Verkehrsmitteln verbreiten sich Viren besonders effektiv. Dementsprechend treten Grippewellen in den Tropen zur Regenzeit auf, wenn die Menschen länger in ihren Häusern sind. Allerdings kann das nicht der einzige Grund für die Häufung der Infektionen sein, sonst würden Heimbewohner, Gefängnisinsassen und Mitarbeiter in Großraumbüros das ganze Jahr über husten und schniefen.

Der Durchbruch bei der Ursachenfahndung gelang amerikanischen Wissenschaftlern, als sie den Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf die Virusübertragung untersuchten. Weil kalte Luft weniger Wasser aufnimmt als warme, ist die absolute Luftfeuchtigkeit im Winter niedriger – und zwar sowohl draußen als auch drinnen. Beim Niesen und Husten entstehen relativ große Tropfen, in denen Viren nicht weit kommen. Wenn die Luft allerdings sehr trocken ist, verdunstet das Wasser im Flug. Übrig bleiben winzige "Tröpfchenkerne", die stundenlang im Raum schweben und tief in die Atemwege eindringen können – das perfekte Vehikel für Grippe- und Erkältungsviren.

Die Auswertung historischer Wetterdaten ergab, dass Grippewellen in gemäßigten Klimazonen besonders bei trockener Luft auftreten. Meteorologen und Virologen versuchen nun, mithilfe von Supercomputern das Risiko für Atemwegsinfektionen vorherzusagen. Die Aussichten stehen nicht schlecht, seit China Daten über neu auftretende Viren einigermaßen zeitnah zur Verfügung stellt. So könnten "regionaler Virusflug", "Ansteckungswahrscheinlichkeit" und "virale Sturmwarnung" bald zum täglichen Wetterbericht gehören. Im Prinzip sind virale Unwetter sogar leichter vorherzusagen als echte Tornados. Ein niesendes Baby ist, aus Sicht eines Supercomputers, berechenbarer als der Flügelschlag eines Schmetterlings. —