Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Beim Start in die Reformationsfeierlichkeiten waren sich die Journalisten fast einig: Ihnen ist die Sprache der Evangelischen zu glatt, zu lieb, zu korrekt. Wo ist das Deftig-Raue, das Einseitige, das Ungehobelte geblieben?, fragen sie. Politikersätze, die danebengehen, verletzend oder auch nur missverständlich sind, werden auf den gleichen Zeitungsseiten zum Skandal hochgeschrieben.

Günther Oettinger hat mal wieder verbal zugeschlagen, nicht das erste Mal, mit seiner schwäbischen Mischung aus Sprachwitz und Verunglimpfung. Die ist entweder in Kauf genommen – oder sie unterläuft ihm. Schlimm genug. "Schlitzohren und Schlitzaugen" – ein feines Wortspiel, das als grober Rassismus verstanden werden kann. Wer öffentlich spricht, hat es nicht leicht dieser Tage. Von den Kanzeln und Kathedern soll es frisch, frei und frech klingen. Provokativ, einseitig, persönlich, neu hätte man es gerne. Doch wenn dann mal ein Sprachfeuerwerk richtig danebengeht, wird deutlich, wie schwer es ist, diese Gratwanderung zu meistern.

Keine politische Plastiksprache, keine religiösen Klischees, sondern Donnerworte, aber Authentisches, dem Volk aufs Maul geschaut und wiedergegeben, damit es erschreckt oder nickt oder beides.

Das öffentliche Sprechen war immer schon eine schwere Kunst. Die Imitation der Gewinnersprache liegt so nahe. In der Politik ist es die kleine Leihgabe an den Populismus, in der Kirche die Sehnsucht nach sprachlicher Geborgenheit fürs Kirchenvolk. Nur spricht dieses Volk eben in der Regel nicht öffentlich.

Es schimpft am Frühstückstisch oder am Telefon mit der besten Freundin, es lästert, tobt und wütet in den sozialen Medien, die als sprachliche Wohnzimmer und damit als private Räume missverstanden werden, in denen man sagen kann, was man will.

Was öffentlich ist, wie sich öffentliche Räume von privaten Räumen unterscheiden, was öffentliches Sprechen und sein Ethos auszeichnet und was es entlarvt, kurz: die Kunst der Unterscheidung, die den großen Rhetoren seit der Antike selbstverständlich war, diese Unterscheidung kommt uns offenbar abhanden.