Wollte man die 50. Ausgabe der Hofer Filmtage, dieser lustigen, längst legendären Selbstversicherungsveranstaltung des deutschen Kinos, in ein Bild fassen, dann wäre es wohl ein Klassenausflug im fliegenden VW-Bus. Auf dem Fahrersitz steuert Werner Herzog das Gefährt heroisch durch Alkoholnebel und Bratwurstdunst, neben ihm studiert Wim Wenders die Karte, hinten plaudern Caroline Link, Doris Dörrie und Dominik Graf beim Weißbier über amerikanische Fernsehserien. Im Anhänger stoßen die Fassbinder-Schauspielerinnen Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Eva Mattes mit Champagner an, während der deutsche Kinonachwuchs im eigenen Bus hinterherfährt und hin und wieder johlend zum Überholen ansetzt.

Seit je prallt in Hof alles ohne Stoßdämpfer aufeinander: die internationale Ambition des deutschen Films und seine Provinzialität; Veteranen und Newcomer; die Gerüchte der Branche und die harten Zahlen der Filmförderung. Im Zentrum steht der Gasthof Strauss mit beigen Teppichen, Hirschgeweihen und einer seit Jahrzehnten unveränderten Speisekarte. Hier verschmilzt das Filmvolk am späten Abend im utopischen Exzess. "In diesem Jahr", sagt die ehrwürdige Chefin Frau Burger, "hat aber niemand einen Bocksbeutel gegen die Wand geworfen."

Hof, heißt es immer wieder, sei das Klassentreffen des deutschen Films. Und wirklich, wie bei einem Klassentreffen schaut man auch hier, ob diejenigen, die man früher cool fand, auch cool geblieben sind. Oder wem in filmischer Hinsicht die Haare ausgefallen sind. Oder was die Kinder und Enkel von Fassbinder und Co. so treiben.

Ja, alles war beim Alten bei dieser 50. Ausgabe von Hof. Und zugleich war nichts wie immer. Im vergangenen März ist Heinz Badewitz gestorben, der Mann, der die Filmtage ein halbes Jahrhundert geleitet und die Beatnikfrisur ins 21. Jahrhundert überführt hat. 1967 veranstaltete er mit Freunden ein kleines Festival in seiner Heimatstadt Hof, mit Kurzfilmen, die in München von keinem Kinobetreiber gezeigt wurden. Schon im nächsten Jahr kamen Wim Wenders, Werner Herzog und Reinhard Hauff mit ihren Filmen in das damalige Zonenrandstädtchen. Die Hofer Filmtage wurden zu einer Art Gegenfestival für die Regisseure des jungen deutschen Films. Und später zur Bühne für all die Entdeckungen, genialischen Spinner und Talente, auf die sich im fränkischen Herbstnebel die Scheinwerfer richteten. In Hof wurden Doris Dörrie, Detlev Buck und Tom Tykwer zu Größen in der deutschen Kinolandschaft, waren die jungen Regiestars Jim Jarmusch und Peter Jackson zu Gast, lief Atom Egoyan durch die Fußgängerzone mit der studentischen Gästebetreuerin Caroline Link. Auch wenn das Programm manchmal ein Sammelsurium war und die Prominenz sich auch rar machte: Wer nach Hof fuhr, konnte die Seelenlage des deutschen Kinos fühlen. Oder um zwei Uhr morgens im Strauss zwischen Bernd Eichinger, Nina Hoss und einem aufgeregten Kurzfilmregisseur auf dem Grunde eines Bierglases erahnen.

Da steht man also an einem diesigen Herbsttag vor dem Imbissbüdchen, an dem der Filmkritiker Michael Althen einst Bratwurstsemmelrekorde aufstellte (im Jahr 2002 wurde hier einmal vergeblich versucht, einen Ökoburger einzuführen), und blickt in die Apothekenauslage mit der Heinz-Badewitz-Gipsfigur und den Filmstreifen. Im Rückblick wirkt Badewitz wie der Condor des deutschen Kinos, weil er so gern seine Arme für die Umarmung der Filmemacher ausbreitete. "Er war immer so da, dass wir das für selbstverständlich genommen haben", sagt Wim Wenders. "Und er war immer gleich enthusiastisch, egal ob es galt, einen Erstlingsfilm zu präsentieren oder das Werk eines seiner älteren Weggefährten."

Bei einer Podiumsdiskussion zu 50 Jahre Hof sagt Werner Herzog mit heiserem Pathos: "Die Lücke ist schwer mit Leben oder Seele zu füllen." Zwischen Caroline Link und Doris Dörrie umgibt er sich mit seiner typischen Einzelkämpferaura. Hat er in Fitzcarraldo nicht ganz allein ein Schiff über einen Berg gezogen? "Hof liegt an der Zonengrenze. Das war der letzte Rand von Westdeutschland!", sagt Herzog. Und: "Die Mutter aller Gefechte ist das Kino." In Hof zeigte er einen seltsamen Film namens Salt and Fire mit Veronica Ferres in der Rolle einer Wissenschaftlerin, die durch die Salzwüste Boliviens stapft. Ferres errettet sozusagen die Seele der Welt, in Gestalt von zwei indigenen blinden Kindern, die die Namen der Inka-Könige Atahualpa und Huáscar tragen. Zur Hofer Zukunft macht Werner Herzog einen guten Vorschlag: Vielleicht solle man die Leitung einem 22-Jährigen übertragen.

Oder einem im Geiste 22-Jährigen? Es geht ja darum, die Filmtage, die in diesem Jahr von einem Übergangsgremium geleitet wurden, auch als das zu bewahren, was sie sind: als Ort, an dem Bilder auf Vorbilder treffen. An dem die Filmgeschichte mit der Kinogegenwart in der befreienden Enge eines kleinen Filmfestivals einen Reigen tanzt. Das Publikum hat bereits über die Zukunft der Filmtage abgestimmt. Mit 30.000 Zuschauern erreichten die Filmtage des zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte. Vielleicht sollte man den Mythos einfach Mythos sein lassen. Und mit dem Reigen neu loslegen.

Der Reigen der 50. Ausgabe: Das unmögliche Bild, ein Film der Österreicherin Sandra Wollner, bohrt sich ins Gedächtnis. In der Ästhetik von Super-8-Familienfilmen entfaltet sich eine Wiener Nachkriegskindheit, eine Welt zwischen pubertären Heimlichkeiten, schnapsgetränkter Verdrängung und dem harten Gesicht einer Großmutter, die sich als Engelmacherin verdingt. Am Abend sitzt die junge Regisseurin im Gasthof Strauss schräg gegenüber von Dominik Graf. Frei nach der Geschichte des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt erzählt Graf in Am Abend aller Tage von der Flüchtigkeit der Kunst und vom Sammeln als Kampf dagegen. In der zweiten Reihe lächelt Wim Wenders, der mit seiner Peter-Handke-Verfilmung Schöne Tage in Aranjuez nach Hof gekommen ist. Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte heißt wiederum ein Dokumentarfilm, den sich in Hof Hanna Schygulla ansieht. Schygulla ist in Hof in einem durchgeknallten Tatort der Regisseurin Aelrun Goette zu sehen: Wofür es sich zu leben lohnt . Rund um den letzten Kommissarinnen-Auftritt von Eva Mattes spielen Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann drei Freundinnen und elegante antikapitalistische Terroristinnen. Alle vier waren 1972 gemeinsam in Rainer Werner Fassbinders Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant zu sehen.

Natürlich war Fassbinder auch mal in Hof. Im Gasthof Strauss hat er sich so schlecht benommen, dass sie ihn hinausgeworfen haben, wie Frau Burger aber nur auf Nachfrage erzählt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio