Stellen Sie sich vor: Zwei Menschen gleichen Alters und gleicher Lebensarbeitsleistung kommen aus einem Land der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik. Einer als Spätaussiedler und der andere als jüdischer Kontingentflüchtling. Der Erste erhält eine Rente, weil er als Spätaussiedler dem "deutschen Kulturkreis" zugerechnet wird, der Zweite muss von Grundsicherung im Alter leben, weil er Jude ist. Die gleiche Lebensleistung, im gleichen Herkunftsland, führt zu einem ungleichen Rentenanspruch. So sieht es die gegenwärtige Praxis des Fremdrentengesetzes vor. Zur rechtlichen Begründung wird der Begriff der "Deutschstämmigkeit" als Ausschlussgrund ins Feld geführt.

Zu unterschiedlichen Zeiten kamen vor einigen Jahrhunderten die Vorfahren beider Gruppen, ursprünglich aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, in das russische Zarenreich und das Gebiet anderer ehemaliger Sowjetrepubliken.

Zu klären ist demnach, ob Jüdinnen und Juden aus Ostmitteleuropa, aus Russland oder anderen Ländern, die nachweislich als "aschkenasische" Juden gelten und mithin die "deutsche Volkszugehörigkeit" aufweisen, im gleichen Sinne "Deutsche" sind, wie es Spätaussiedlern zugesprochen wird.

Was heißt "aschkenasisch"? Als erste gesicherte Bezeichnung kann eine Erwähnung bei dem berühmten hochmittelalterlichen Bibel- und Talmudkommentator Rashi gelten, der mit "Aschkenas" die damalige deutsche Sprache sowie die Siedlungsgebiete am Rhein meinte – Rabbi Eliezer ben Nathan gar unterschied im frühen 12. Jahrhundert zwischen "Zorfatim" (Franzosen) und "Aschkenasim" (Deutschen). "Aschkenasim" ist also seit dem hohen Mittelalter die Bezeichnung für die Juden, die in deutschsprachigen Gebieten lebten.

Die Wanderung der Aschkenasim in das Gebiet des heutigen Polen und später bis nach Russland, von Litauen im Norden bis nach Moldawien im Süden, fand in der Regel völlig unfreiwillig statt.

Der Historiker Frantisek Graus ist den Ursachen dieser Wanderung nach Osten in seinem Buch Pest – Geißler – Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit im Einzelnen nachgegangen. Seine Studie schildert akribisch Anlässe, Verlauf und Folgen der Ermordung und Vertreibung von Juden aus den deutschen Landen, namentlich den Reichsstädten.

Im 14. Jahrhundert bot schließlich der polnische König Kasimir III. aus deutschen Landen vertriebenen Juden ein Aufenthaltsrecht in Polen, das mit königlichen Erlassen aus den Jahren 1364 und 1367 garantiert wurde.

Bekanntermaßen wurde dieser mittelalterliche polnische Staat im späten 18. Jahrhundert zerschlagen und zwischen Österreich, Preußen und Russland aufgeteilt. Die Nachfahren der im 14. Jahrhundert nach Polen/Litauen gekommenen Juden wurden Untertanen des Zaren.

In einer zufälligen Auswahl der Namen jüdischer Zuwanderer aus der Sowjetunion deuten viele auf eine familiäre Herkunft aus einem deutschsprachigen, im jüdischen Sprachgebrauch "aschkenasischen" Gebiet hin: Kaufmann, Berlin, Drucker, Davidsohn, Bendig, Barg, Feldman, Feldmann, Schuldinger, Fuchs, Rosenstecher. Zudem sprachen sie einen mittelhochdeutschen Dialekt, das Jiddisch.

Zum Vergleich lohnt sich ein Blick nach Spanien und Portugal: Dort gelten die Nachfahren der sephardischen Juden, die im 15. Jahrhundert aus diesen Ländern vertrieben wurden, heute wieder als Spanier und Portugiesen – wenn sie das wollen.

2015 verlieh der spanische Staat Juden und Jüdinnen, die ihre sephardische Herkunft belegen können, auf Antrag die spanische Staatsbürgerschaft. Ein analoges Gesetz beschloss 2015 auch das portugiesische Parlament. Damit bekennt sich der heutige spanische Staat als Rechtsnachfolger des frühneuzeitlichen spanischen Staates, der Königreiche Kastilien und Aragon, und übernimmt zugleich die historisch-moralische Verantwortung für die damalige Vertreibung der Juden aus den Königreichen.

Diese Argumentation historischer Verantwortungsübernahme ist auch mit Blick auf die im Mittelalter aus deutschen Ländern und Reichsstädten – der deutsche Staat im engeren Sinne existierte noch nicht – vertriebenen Juden möglich. Hierzu genügt ein Blick in Artikel 116 des Grundgesetzes: "Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat."

Der Gleichbehandlungsgrundsatz verlangt zudem eine Gleichbehandlung nach Artikel 116 Grundgesetz. Die Vorfahren der Spätaussiedler, die im Laufe der letzten dreihundert Jahre von deutschem Boden nach Russland und Osteuropa ausgewandert sind, verließen diese Gegend ebenfalls Jahrhunderte vor der Gründung des deutschen Nationalstaates im engeren Sinne, nämlich der Reichsgründung Bismarcks. Auch die Nachfahren aus Aschkenas vertriebener Juden sollten deshalb, dem europäischen Vorbild Spaniens und Portugals folgend, Bürger der Bundesrepublik Deutschland werden können oder zumindest rentenrechtlich mit Spätaussiedlern gleichgestellt werden. Historisch und kulturell ist diese Unterscheidung nicht nachvollziehbar. Das deutsche Fremdrentengesetz sollte entsprechend geändert werden.