DIE ZEIT: Herr Brang, die Schweiz hat sich seit der Industrialisierung bereits um über 1,8 Grad erwärmt. Was macht der Klimawandel mit unserem Wald?

Peter Brang: Noch ist der Wandel nicht gut sichtbar. Die Waldgrenze hat sich etwas nach oben verschoben. Borkenkäfer befallen im Sommer bereits Bäume in Höhenlagen, die bisher nicht von dieser Plage betroffen waren. Und in den klimatisch extremsten Gebieten in der Schweiz, zum Beispiel im Rhonetal im Wallis, sieht man sterbende Föhren. Eichen nehmen ihren Platz ein.

ZEIT: Man kann also sagen, der Schweizer Wald konnte sich bisher gut anpassen?

Brang: Ja, bisher schon. Aber das dürfte sich bald ändern.

ZEIT: Wieso, was wird anders?

Brang: Was in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommt, ist eine klimatische Veränderung, die keine Entsprechung in der Vergangenheit kennt. Sie passiert einfach zu schnell, als dass sich der Wald ihr problemlos anpassen könnte.

ZEIT: Deshalb wollen Sie nun der Natur helfen und in den Wald eingreifen, um ihn fit für den Klimawandel zu trimmen.

Brang: Eingriffe in den Wald sind nichts Neues. Der Wald in der Schweiz ist spätestens seit dem Mittelalter vom Menschen gestaltet. Wir leben mit einem Kulturwald, der allerdings im Vergleich mit Deutschland und Frankreich relativ naturnah ist.

ZEIT: Was also passiert mit dem Wald, wenn die Temperaturen weiter steigen?

Brang: Die Fichte wird allmählich aus dem Mittelland verschwinden, weil die Sommer immer trockener werden. Das zeigen alle regionalen Klimamodelle.

ZEIT: Wie wird man diesen Wandel im Wald wahrnehmen?

Brang: Es wird viele Jahre geben, in denen Sie als Spaziergänger, als Jogger nicht viel sehen werden. Aber es dürfte dann auch einzelne Jahre geben, besonders wenn es zwei Jahre hintereinander trocken ist, in denen viele Fichten verdorren und dem Borkenkäfer zum Opfer fallen.

ZEIT: Was kann man dagegen tun?

Brang: Die Förster beeinflussen bereits heute die Zusammensetzung des Waldes. Sie fällen bestimmte Bäume, um anderen Platz zu machen. Sie lassen andere Bäume bewusst wachsen – oder pflanzen sie neu. Diese Arbeit sollen sie weiterführen, aber dabei besonders darauf achten, dass sie Baumarten stehen lassen, die mit Trockenheit und Wärme besser umgehen können. Etwa Traubeneichen oder Linden.

ZEIT: Wie funktioniert das? Heute ist es ja noch nicht so warm und trocken, dass eine Traubeneiche gegenüber einer Fichte einen Vorteil hätte.

Brang: Es gibt aber bereits heute Traubeneichen in unseren Wäldern. Man muss mit der Natur arbeiten, diesen Bäumen also Raum und Licht verschaffen, damit sie gut wachsen und sich später selbst verjüngen können.

ZEIT: Die neuen Wälder sollen sich selber schaffen?

Brang: So weit als möglich schon, trotzdem wird man auch investieren und pflanzen müssen.

ZEIT: In der Landwirtschaft versucht man, Pflanzen mit neuen Kreuzungen resistent gegen den Klimawandel zu züchten. Könnte man das nicht auch mit Waldbäumen tun?

Brang: Grundsätzlich schon, aber in der Schweiz gibt es das nicht. Das entspricht nicht unserem Verständnis vom Umgang mit der Natur.

ZEIT: Aber es wäre möglich?

Brang: Ja, klar. Wir lassen jedoch die Finger davon. Was wir allerdings machen: Wir nehmen Saatgut von bestehenden Pflanzen, die gute Eigenschaften aufweisen. Wir überlegen zum Beispiel, Samen von Buchen aus dem Apennin in die Schweiz zu holen, weil die Bäume dort im Laufe der Evolution gelernt haben, besser mit Trockenheit umzugehen.