Die Frau, die der Evolution Beine machen will, steht inmitten einer Traumkulisse und scheint gegen die grandiose Schönheit von Hawaiis Kāne’ohe-Bucht immun zu sein. Ihr schmuckloses Büro hat Ruth Gates auf die Herbsttemperaturen ihrer englischen Heimat heruntergekühlt, sich gegen das tropische Licht eine getönte Brille aufgesetzt. Sie und ihre Kollegen arbeiten in einem Labor des Hawaii Institute of Marine Biology der Universität Hawaii auf Coconut Island. Palmen säumen die kleine Koralleninsel, das Wasser schillert türkis und dunkelblau. Filme wie Fluch der Karibik wurden in dieser Bucht gedreht, aber es ist nicht deren Schönheit, die Ruth Gates hierhin gezogen hat. Es ist der Tod. Der Tod der Korallen, die die Welt der Kāne’ohe-Bucht erst erschaffen haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Nur ein paar Bootsminuten vor Coconut Island wächst eine Kolonie von Reiskorallen in drei Metern Tiefe. Regelmäßig tauchen Gates und ihre Mitarbeiter hinunter und beobachten, wie sie sich verändert. Es beginnt mit einer Farbe. Und es sieht anfangs wunderschön aus. Porzellanweiß sind die äußersten Spitzen der Korallen: als wäre frischer Schnee gefallen auf die äußersten Zweige eines Baumes, während darunter noch alles grün und braun leuchtet. Noch ist Leben in der Kolonie, doch Gates weiß: Wenn das Wasser in der Bucht nicht bald abkühlt, wird sich die Kolonie nicht regenerieren. Dann wird sich das Weiß ausbreiten, sich hineinfressen ins Innere der Kolonie, bis schließlich alles ausgeblichen ist. "Und dann fällt der Vorhang", sagt Ruth Gates.

Die britische Meeresbiologin ist ein nüchterner Typ, unsentimental und pragmatisch. Doch dieses Porzellanweiß jagt ihr und Forschern auf der ganzen Welt Angst ein. Denn es symbolisiert das Sterben jener Lebewesen, die für Vielfalt und Vitalität der Meere stehen: Korallen. In vielen Riffen ist die verschwenderische Farbigkeit in den vergangenen Jahren dem Weiß gewichen, wie bei der Reiskorallenkolonie vor Coconut Island. Als Korallenbleiche ist das Phänomen berühmt worden, und nahezu alle Wissenschaftler fürchten, dass es in einigen Jahrzehnten gar keine Korallenriffe mehr geben könnte. Sie gehen davon aus, dass die Lebensgemeinschaft aus Korallenpolyp und seinem einzelligen Untermieter und Ernährer nicht mit der rapiden Veränderung Schritt halten kann, die der Klimawandel mit sich bringt.

Doch was wäre, wenn man dem Traumpaar beim Überleben helfen könnte? Wenn man es trainieren könnte, sich an die Zukunft anzupassen? Diese Fragen hat sich Ruth Gates jahrzehntelang gestellt. Nun hat die burschikose Mittfünfzigerin die Antwort gefunden. "Wir züchten Superathleten", sagt sie: Korallen aus dem Labor, die mit dem Klimawandel fertigwerden können.

Seit Jahrhunderten greifen Menschen in den Lauf der Natur ein. Sie züchten Kühe, Mais oder Hühner. Aber Korallen zu züchten, das hat vor Ruth Gates noch niemand versucht. Deswegen ist ihre Arbeit extrem umstritten. Ihre Mitarbeiter wie auch ihre privaten Geldgeber, die ihr Millionen zur Verfügung gestellt haben, huldigen der Britin. Ihre Kritiker hingegen, so erzählt sie, hätten ihr Labor als ein "Monsanto der Korallenriffe" tituliert. Denn im Bestreben, die Riffe zu retten, könnte sie die empfindlichen Ökosysteme für immer verändern.

"Wir beschleunigen hier die Evolution", sagt Gates. "Nur so können wir die Überlebenschancen erhöhen, statt den Tod mitanzusehen." Sie hat genug vom Zuschauen, Lamentieren und Warnen ihres Berufsstandes. Schon vor Jahren haben die Meeresbiologen nachgewiesen, dass der Klimawandel Hauptverursacher der verheerenden Korallenbleichen ist, die weltweit die tropischen Riffe zerstören. Den Ausstoß von Kohlendioxid, dem Hauptverursacher des Treibhauseffekts, hat diese Erkenntnis nicht gebremst. Dieser Tage diskutiert die Diplomatenwelt im marokkanischen Marrakesch mal wieder darüber, wie man die CO₂-Emissionen mindern könnte. Es ist das erste Treffen nach der bahnbrechenden Klimakonferenz von Paris, bei der die Staaten der Welt sich darauf verständigten, die Erwärmung auf weniger als 2 Grad zu beschränken. Aber selbst ein Plus von 1,8 oder 1,9 Grad würde nicht reichen, um die Korallenriffe zu retten.

© ZEIT-Grafik

Die globale Erwärmung droht die Korallen weltweit auszulöschen. Schon bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg um 1,5 Grad würde die Hälfte aller Riffe zerstört, prognostizierten Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der University of Queensland in Brisbane, Australien, 2012 in einer gemeinsamen Studie. Das 1,5-Grad-Ziel ist aber kaum noch erreichbar; schon 2 Grad Erwärmung wären aus heutiger Sicht ein mittleres Wunder. Und bei mehr als 2 Grad werden Korallen "nicht länger prominenter Teil unserer Küsten-Ökosysteme sein", schreiben die Forscher.

So geht es seit Jahren: Die Wissenschaftler haben ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit verkündet, haben Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft aufgefordert, den Treibhausgasausstoß zu reduzieren. Vergebens. Der CO₂-Gehalt der Atmosphäre steigt immer weiter. Und in den vergangenen 18 Jahren haben drei globale Korallenbleichen stattgefunden, die größte davon 2016. Auf den Malediven, in der Karibik oder im Südpazifik, vor Hawaii oder rund um Thailands Trauminsel Ko Phi Phi, überall traf es die Korallen. Die verheerendste Bleiche ereignete sich am Great Barrier Reef vor Australiens Ostküste. 93 Prozent aller Teilriffe wurden befallen, fast jede vierte Koralle starb.

Gesunde Korallenriffe sind Paradiesgärten. Schillernde, bunte Gebilde voll mit Leben: Fische, Schildkröten, Kraken, Muscheln, Seesterne. Obwohl Riffe nur 0,1 Prozent der von Ozeanen bedeckten Fläche einnehmen, lebt rund ein Viertel aller Fischarten zumindest zeitweise in diesen Ökosystemen. Sterben die Riffe ab, werden viele Arten für immer verschwinden.