Als einer der Gründerväter der Psychotherapie war John Broadus Watson schon eine seltsame Besetzung. Der US-Psychologe hielt rein gar nichts davon, sich mit den inneren Zuständen eines Menschen zu beschäftigen, er wollte sie vielmehr durch einfaches Konditionieren ändern. Zeigte etwa ein Zweijähriger beim Anblick eines Kaninchens Angst, platzierte er den Nager in der Nähe des Kleinen, während der aß. Die positiven Reaktionen des Kindes beim Essen sollten sich auf das Tier übertragen. Der Junge gewöhnte sich tatsächlich an das Kaninchen.

Dies waren die Anfänge der Verhaltenstherapie in den zwanziger Jahren. Erst in den siebziger Jahren wurde es unter Therapeuten salonfähig, nicht nur das Verhalten von Patienten zu betrachten, sondern auch auf deren Gedanken einzugehen. Die psychologische Forschung hatte herausgefunden, dass selbst bei scheinbar automatischen Lernprozessen Gedanken eine große Rolle spielen. Der Psychiater Aaron T. Beck postulierte, dass Depressionen die Folge von irrational pessimistischen Gedanken und Bewertungen seien. Seither stellen die nunmehr kognitiven Verhaltenstherapeuten im Gespräch mit dem Patienten diese falschen Ideen infrage. Sie helfen ihnen dabei, die negativen Denkmuster zu verändern, um so auch die negativen Gefühle zu ändern.

Und dann das: "John B. Watson trifft den Buddha", konstatierte ein Psychologe. Denn in den vergangenen Jahren wurden neue Varianten der Verhaltenstherapie entwickelt, die Anleihen bei fernöstlichen Lehren machen. Die Rede ist von der dritten Welle der Verhaltenstherapie.

Wo Watson einst jede Introspektion verboten hatte, wird nun der Blick intensiv nach innen gerichtet. Achtsamkeit heißt das Konzept, das sich verschiedener Meditationstechniken bedient. Der Meditierende nimmt dabei die Gedanken, Gefühle oder Körperempfindungen wahr, bewertet sie aber nicht. Es gilt, die Aufmerksamkeit bewusst "auf den einzigartigen gegenwärtigen Moment zu richten", so der Psychologie-Professor Johannes Michalak von der Universität Witten/Herdecke. Die uralten Meditationstechniken sind inzwischen klinisch und neurobiologisch gut untersucht. Sie verbessern etwa die Stress- und Emotionsregulation. "Und sie treffen in einer auf Effizienz und Leistung ausgerichteten Gesellschaft einen Nerv", meint Michalak. Die Idee der Achtsamkeit findet sich in einer Reihe neuer Therapieansätze, etwa der Akzeptanz- und Commitmenttherapie, der Schematherapie und dem Training emotionaler Kompetenzen. Ein weiterer Ansatz ist die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie: Die Gruppentherapie umfasst acht gut zweistündige Sitzungen im Wochenabstand. Zudem sollen die Teilnehmer eine halbe Stunde am Tag meditieren und im Alltag immer mal wieder achtsam sein, etwa beim Duschen das Wasser auf der Haut oder beim Gehen die Fußsohlen spüren.

Besonders gut hilft die Therapie Depressiven, die aus einer akuten Phase der Krankheit heraus sind, sie senkt bei ihnen das Rückfallrisiko. Die Patienten lernen durchs Meditieren, negative Gedanken und Gefühle als momentane Zustände des Geistes wahrzunehmen, die wieder verschwinden.

Zentral ist Achtsamkeit auch in der Dialektisch-Behavioralen Therapie. Entwickelt wurde sie von der Psychologin Marsha Linehan. Sie arbeitete mit extrem suizidgefährdeten Patientinnen, die oft an einer Borderline-Störung litten und sich selbst verletzten. Borderline-Patienten haben Probleme mit anderen Menschen, weil sie sehr emotional und schnell gekränkt sind und häufig aggressiv reagieren. Linehan suchte nach einem Ansatz, der den Patienten helfen würde, sich selbst zu akzeptieren. Sie fand ihn in Meditationstechniken wie dem Zen. Das war vor zwei Jahrzehnten, als Meditation in der Psychotherapie noch als verschrobene Idee galt. Heute ist die Therapie Goldstandard bei Borderline.

Achtsamkeit als Therapiebaustein ist so populär, dass manche Kliniken sie selbst dann anbieten, wenn sie keine qualifizierten Therapeuten haben. Die sollten nämlich schon einige Jahre lang eigene Erfahrungen mit den Techniken haben, so Michalak, der selbst täglich meditiert. Er hat schon erlebt, dass eine Psychologin vom Oberarzt zum Abhalten eines Achtsamkeitskurses verdonnert wurde, die mit Meditation gar nichts anfangen konnte. Michalak empfiehlt Patienten in Zweifelsfällen, sich "nicht entmutigen zu lassen und außerhalb der Klinik einen qualifizierten Therapeuten zu suchen".