Sein Tod hat mich berührt und getroffen. Ich bin sieben Jahre älter als Manfred Krug, und es gibt nun niemand mehr, mit dem ich über die Welt unserer Anfänge sprechen kann. Unsere Freundschaft in der DDR war sehr intensiv. Manfred Krug war ein Stahlarbeiter, einer, der den proletarischen Weg gegangen war. Er war genau richtig für die DDR, laut, intelligent, direkt, originell. Jeder in der DDR kannte ihn, man hätte damals jede beliebige DDR-Telefonnummer wählen können, und der Mensch am anderen Ende der Leitung hätte einem etwas über Manfred Krug erzählen können. Jeder Tag mit ihm lieferte neue Geschichten.

Der erste Film, in dem wir zusammen spielten, war Fünf Patronenhülsen von Frank Beyer. Da ging es um die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Wir drehten das in den bulgarischen Bergen. Ich näherte mich dieser Rolle, indem ich kein Wasser trank, damit ich wie jemand aussah, dem es schwerfällt, in der Wüste zu überleben. Krug hingegen mietete sich einen Esel, den er mit Bierkästen belud. Er setzte die Bierflaschen wie eine Fanfare an die Lippen und sagte, er wolle uns nur beweisen, dass er mehr trinken als schwitzen könne. Das war unser lieber Manne, wie wir ihn nannten.

Es war ein großer Spieltrieb in ihm. Im Grunde drehte sich bei ihm alles um Rechthaben und Gewinnen. Das waren die Ziele, die er anstrebte. Ich habe das unzählige Male erfahren. Damals in unserer Anfangszeit lebte ich in der Grünberger Straße in Ost-Berlin in einer Einzimmerwohnung. Er kam da eines Tages hoch mit einem der ersten Fernseher unterm Arm. Den wollte er mir unbedingt verkaufen. "Heimkino", sagte er, koste 3.000 DDR-Mark. Am nächsten Tag rief ich ihn an und sagte, er solle das Ding wieder abholen, ich wolle mein Geld zurück. Da kam er mit einem Beutel voller Markstücke und schüttete sie mir auf den Tisch. Ich gab auf, und er zog stolz wieder ab. Er war immer und überall der dominierende Typ und legte sich mit jedem an, egal, ob es DDR-Polizisten oder Staatsratsvorsitzende waren. Als Walter Ulbricht ihn einmal Genosse nannte, konterte er: "Herr Krug, so viel Zeit muss sein." Für solche Typen war die DDR das bessere Land. Man schlug auf Leute ein, die man nicht mochte. Wir haben auch viel gefeiert. Es war noch nicht wie später im Westen bei diesen Einladungen mit Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise. Ich höre noch immer dieses unglaubliche Lachen von Krug in unseren Ostberliner Nächten. Sein Lachen hat mich mein Leben lang begleitet.

Manfred Krug und der Schriftsteller Jurek Becker, der später die Drehbücher für Liebling Kreuzberg geschrieben hat, gehörten von Anfang an zusammen, sie waren eine Einheit. Ich kann sie gar nicht getrennt voneinander denken. Die beiden konnten sich stundenlang darüber unterhalten, wie sich der Lichtstrahl einer Laterne in der Spree spiegelt. Oder sie stritten sich darüber, wie man am besten nach Johannisthal kommt. Über Treptow oder über die Grünberger Straße? Die hätten am liebsten ein Lineal geholt, um das nachzumessen. So ging das stundenlang. Die beiden waren hochintelligente Spieler. Jurek hatte allerdings kein Gespür für die Kräfte anderer Leute. Er legte sich gerne mit Stärkeren an. Krug musste ihn immer wieder retten. Er stand dann an der Theke, und wenn es bei Jurek hinten laut wurde, drehte er sich langsam um und kam ihm zu Hilfe. Er machte das nicht mit Argumenten, sondern mit der Faust. Ich habe ihn bewundert für seine Schnelligkeit und seine Entschlusskraft.

Aber es gab bei ihm auch ganz zarte Momente. Vor allem in der Musik. Als Jazzsänger verdankt er dem Komponisten Günther Fischer sehr viel. Später, nachdem herauskam, dass Fischer angeblich IM war, hat Manfred Krug sich im Spiegel darüber aufgeregt. Ich fand das ungerecht. Fischer hat doch genau wie Heiner Müller keine echten Schurkereien begangen. Der eine hat aus Neugier mitgemacht, der andere eines kleinen Vorteils wegen.

Für mich zerfällt Krugs Leben in zwei Teile. In der DDR war er ein wunderbarer Charakterdarsteller. Das kann man noch immer sehen in Filmen wie Spur der Steine oder Wege übers Land. Ich dachte, er würde im Westen diesen Weg weitergehen. Aber er verschwand plötzlich im Fernsehen in irgendwelchen Serien, war in allen möglichen Werbespots zu sehen und machte Dinge, die er nicht hätte machen sollen und die ich ihm nicht zugetraut hätte. Ich empfand das als einen Niedergang. Er gehörte einfach nicht in die Sesamstraße. Als ich ihn damals einmal in Berlin traf, sagte er mir, er habe hier im Westen bis jetzt nur Scheiße gemacht. Er begründete das mit den Existenzängsten, die ihn im Westen überfallen hätten. Da hat der starke Mann mir plötzlich eine andere Seite gezeigt. Aber er war viel zu intelligent, um nicht zu wissen, was er tat. Er wollte hinein ins große Business. Erst am Schluss hat er die Existenzangst wieder vergessen. Er konnte aufhören mit der ganzen Schauspielerei. Er konnte leben.

Leider hat auch unsere Freundschaft die Übersiedlung in den Westen nicht gut überstanden. Sie ging zu Ende, als ich in Amerika war. Jurek Becker und Manfred Krug schrieben mir böse Briefe, als ich in den USA die Miniserie Amerika drehte, in denen sie mir vorwarfen, mich charakterlos verhalten zu haben. Ich habe später dennoch Beckers Bronsteins Kinder gedreht, auch wenn mir der Stoff nicht besonders gefallen hat. Ich habe das zur Versöhnung gemacht, obwohl es dazu nicht mehr gekommen ist. Bald danach ist Jurek Becker gestorben.

Manfred Krug und ich waren auch immer ein wenig Konkurrenten. Wir wurden in der DDR gelegentlich verwechselt, obwohl ich dort anfangs berühmter war als er, als ich die erste Fernsehserie der DDR Flucht aus der Hölle gedreht hatte. Eine Rolle, die Krug auch gern gespielt hätte. Deshalb fing er manchmal an zu pöbeln. Einmal stritten wir einen ganzen Tag lang über unsere Schauspielkünste. Ich sagte ihm, er könne niemals einen Hamlet spielen, er könne immer nur Krug spielen. Er warf mir vor, ich hätte keinen Arsch in der Hose und solche Sachen. Aber ich glaube noch immer, ich hatte recht: Egal, was er spielte, Krug war immer Krug. In allen Rollen. Wie Jean Gabin. Er war immer gleich und immer authentisch, kraftvoll, unverbogen. Man mochte ihn für seine Präsenz.

Unsere Zeit ist unglaublich ungerecht im Aufheben von Menschen. Schauspieler haben nur ein kurzes Leben im Rampenlicht, dann verschwinden sie. Es ist schwer zu sagen, wie man Manfred Krug in Erinnerung behalten wird. Er war ein wunderbarer Sänger, und für viele wird er immer der Liebling Kreuzberg sein.

Ich hätte mich gerne noch mit ihm versöhnt. Was ihm wichtig war, war auch mir wichtig: Wir wollten uns, zurückblickend auf den langen Schwanz an Leben, den man hinter sich herzieht, am Ende noch im Spiegel angucken können. Doch die letzte Umarmung fehlt. Vielleicht ist das hier so etwas wie eine letzte Umarmung.

Protokoll: Iris Radisch