Unaufhaltsam wächst die barocke Fassade am Berliner Schloss empor, und unterm grauen Herbsthimmel bangt ein jeder Betrachter, ob dies tatsächlich eines Tages ein lebendiger Ort in der Stadt sein wird. Immerhin, auch das Humboldt Forum, also die Kultur im Schloss, macht Fortschritte: Neil MacGregor hat in der Humboldt-Box, dem Info-Zentrum vorm Betonklotz, unter dem Titel Extreme! seine lang erwartete erste Ausstellung präsentiert. Sie handelt vom Humboldt- oder Perustrom, der sich vor der Küste Südamerikas erstreckt und in Abständen das Wetterphänomen El Niño erzeugt.

Ist das nun die Antwort auf alle offen gebliebenen konzeptionellen Fragen ans Humboldt Forum, die paradigmatische Setzung, die zwei große Berliner Museen ins 21. Jahrhundert führt und auch noch die lang vermisste Internationalität in dieses kulturpolitisch so ehrgeizige Projekt einführt? Nein, gewiss nicht. Es ist eine kleine, feine und sehr intelligente Ausstellung, sie führt vor, wie Berliner Bestände aus unterschiedlichen Quellen zusammengebracht werden können, um eine aktuelle Problemstellung zu illustrieren – und wie man Museales für die Jetztzeit aufbereiten kann. Es ist eine Ausstellung, die MacGregor ziemt, der ja nie etwas anderes sein wollte als ein Berater für ein zeitgemäßes Museum.

Bei El Niño erwärmt sich der arktische Strom vor der Küste Perus. Die unnormalen Wassertemperaturen sorgen für extreme meteorologische Phänomene, die sich fast auf der ganzen Welt auswirken. El Niño gibt es seit Jahrtausenden. Wie die Ureinwohner Perus ihre Kultur auf diese Bedingungen ausrichteten, wie ihre Religion und Wirtschaft von der Natur geprägt wurden, reißt diese Ausstellung an. Sie deutet auch an, wie Alexander von Humboldt das Meer und das Wetter vor Peru erforschte und das wissenschaftliche Sammeln in solch entfernten Regionen begründete. Die Botschaft: Einst war die Welt – wenigstens im Wissen – ähnlich global wie heute. Neu ist die Erderwärmung, die El Niño verstärkt, neu ist aber auch die Verschmutzung der Meere, eine Situation, der sich ein Teil der Ausstellung ausführlicher widmet.

Die Exponate stammen aus dem Ethnologischen Museum, dem Botanischen Museum und dem Botanischen Garten, aus dem Naturkundemuseum und der Humboldt-Universität. Allein das Ergebnis dieser Kooperation ist sehenswert. Halb Schatzsucher, halb Quartiermeister, wühlte sich Neil MacGregor durch die Berliner Sammlungen, die einst für eine umfassende, heute würde man sagen "vernetzte" Forschung angelegt worden waren, sich aber dann in kaum noch miteinander kommunizierenden Einrichtungen ablagerten. MacGregors Verdienst ist die Wiedereinführung des universalen Geistes, des Zugriffs auf eine Welt, die in bedeutenden Kollektionen im Berliner Wissenskosmos präsent sind, aber nach den Humboldts als Puzzle nie wieder zu einem Bild zusammengefügt wurden. Diese Trennung in Natur und Kultur hebt McGregor wieder auf und konnte dabei in eine erstaunlich reichhaltige und tiefe Materialkiste greifen.

Mittlerweile führt eine "Humboldt Forum Kultur GmbH" im Schloss die Regie, es gibt nun auch einen Veranstaltungsbereich, der das Thema mit Vorträgen und einer Filmreihe begleitet. Weitere beispielhafte Expositionen sollen folgen, zwei pro Jahr bis 2019. Von der planmäßigen Eröffnung 2018 spricht niemand mehr. Das nächste Projekt dieser Art wird sich der Kindheit widmen, wieder werden die Berliner Museen kooperieren, die Antikenabteilung beispielsweise und das Asiatische Museum. So weit klingt das vielversprechend.

MacGregors Idee der Sammlungsvernetzung betrifft allerdings auch die späteren Dauerausstellungen im Schloss. Der finanzielle Mehrbedarf wird etwa 36 Millionen Euro betragen, er errechnet sich aus den Kosten für Umplanungen und architektonische Veränderungen. Neu sind Räume, die Übergänge bilden, das Gesehene für den Besucher zusammenfassen und ihn auf andere Themen hinweisen. So soll auch die Berliner Stadtausstellung, der modernen Metropole gewidmet, in die Gesamtpräsentation integriert werden.

Doch was wird aus dem Versprechen, hier entstehe "mehr als ein Museum"? Von einem Humboldt Forum, in dem sich Kultur im Austausch mit anderen Kulturen neu entwickelt, als eigene Praxis mit unberechenbarem Ausgang, als kulturpolitische Innovation, ist nicht mehr die Rede. Der international besetzte wissenschaftliche Beirat tagte ein einziges Mal und ist danach nie wieder konsultiert worden. Sodass sich unter seinen Mitgliedern inzwischen Unmut verbreitet. MacGregor hat das Museum optimiert, aber es bleibt ein Museum. Wie die globale Welt von heute ins Berliner Schloss gelangen soll, ist weiterhin eine unbeantwortete Frage.